Deutsche Geschichten
Wirtschaftswunder
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internen Waren- und Dienstleistungsverkehr, Freizügigkeit für Kapital und Arbeit, ein gemeinsamer Agrarmarkt, ein gemeinsamer Außenzoll sowie eine teilweise Harmonisierung der Wirtschafts- und Sozialpolitik der Teilnehmerländer. Dass es der Bundesregierung weitgehend gelang, die EWG nach ihren marktwirtschaftlichen, freihändlerischen Vorstellungen zu gestalten, spiegelte den in den fünfziger Jahren ständig wachsenden deutschen Einfluss in Westeuropa wider und war eine wichtige Voraussetzung dafür, dass die Liberalisierungspolitik in der EWG fortgesetzt werden konnte. Die Folge war ein beschleunigtes Wachstum des Handels innerhalb der Gemeinschaft. So stieg beispielsweise der Anteil der EWG-Länder am westdeutschen Export kontinuierlich von 27 auf über 40 Prozent.

Weltmarkt und Konvertibilität

Die Konzentration des Handelsaustauschs auf Westeuropa im allgemeinen, auf die EWG im besonderen stand in einem gewissen Gegensatz zur offiziellen Parole von der ”Rückkehr zum Weltmarkt”, so der Titel eines 1953 erschienenen Buches von Ludwig Erhard. Zwar rückte die Bundesrepublik Mitte der fünfziger Jahre auf den dritten Rang unter den Welthandelsnationen vor, zog 1958 mit Großbritannien gleich und belegte 1960 bereits den zweiten Platz hinter den USA; von einer gleichmäßigen Präsenz auf den Weltmärkten konnte dennoch keine Rede sein. Die Rückkehr auf den nordamerikanischen Markt, dessen Anteil am deutschen Export allerdings traditionellerweise niedrig war und 1960 gerade neun Prozent betrug, ging nämlich sehr langsam vonstatten; auch der frühere Anteil Lateinamerikas, Asiens und Afrikas wurde bis 1960 nicht ganz erreicht.

Der eigentliche Einbruch gegenüber der Vorkriegszeit erfolgte jedoch im Austausch mit Osteuropa. Hatte Deutschland 1937 noch 17 Prozent der Ein- und 16 Prozent der Ausfuhren mit Osteuropa abgewickelt, waren es 1960 nur noch jeweils vier Prozent. Dafür waren freilich weder das Versagen der westdeutschen Exporteure noch Qualitätsmängel verantwortlich, sondern vor allem politische Gründe: der Ost-West-Konflikt und die von den USA durchgesetzten Handelsrestriktionen gegenüber dem Ostblock. Immerhin konnte die Bundesrepublik den generellen Aufschwung im Osthandel zwischen 1953 und 1958 am besten nutzen. Ab 1957 übernahm die Bundesrepublik die Spitzenposition. Ermöglicht wurde dieser Erfolg hauptsächlich durch die auf den Investitionsgüterbedarf der dortigen Kunden zugeschnittene Produktpalette der westdeutschen Industrie.

Besondere Bedingungen galten für die

innerdeutschen Wirtschaftsbeziehungen, die 1951 vertraglich geregelt wurden. Zum einen erstreckte sich das ”Interzonenhandelsabkommen” (Berliner Abkommen) nicht auf Staaten (da seitens der Bundesrepublik Deutschland die DDR nicht als fremdes Wirtschaftsgebiet galt), sondern auf die beiden Währungsgebiete DM-West und Mark-Ost. Zum anderen sah es ausschließlich bilaterale Handelsbeziehungen vor, die mittels einer Verrechnungseinheit abgewickelt werden mussten; schließlich sollte ein zinsloser Überziehungskredit (Swing) in Höhe von 200 Millionen Verrechnungseinheiten, der allerdings fast ausnahmslos von der DDR in Anspruch genommen wurde, für einen permanenten Ausgleich der Salden sorgen. Der Handel mit der DDR unterlag den gleichen Embargorichtlinien wie der Osthandel insgesamt. Während er für die DDR mit einem Anteil von etwa 15 Prozent am gesamten Außenhandel von existentieller Bedeutung war, fiel er für die Bundesrepublik mit weniger als zwei Prozent ökonomisch kaum ins Gewicht.

Bis Anfang 1959 fehlte auch eine wichtige Voraussetzung eines ungehinderten, weltweiten Handels - die Konvertibilität der D-Mark. Die Möglichkeit eines uneingeschränkten Umtauschs einer Währung in ausländisches Geld oder in Gold ist bei ”normalen” internationalen Wirtschaftsbeziehungen nichts Besonderes. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren jedoch die meisten westeuropäischen Länder von der währungspolitischen Normalität weit entfernt. Der Handel erfolgte auf ”bilateraler” Basis, jede Seite erklärte sich bereit, die Währung des Partnerlandes zu einem festgelegten Wechselkurs und bis zu einer vereinbarten Höhe gegen eigene Währung anzukaufen; ergänzend wurden Abkommen über wechselseitig erwünschte Warenlieferungen getroffen. Auf Druck der USA, die möglichst schnell zum Freihandel zurückkehren wollten, hatte Großbritannien schon 1947 den Versuch gewagt, das Pfund Sterling gegenüber dem Dollar konvertibel zu machen - und war gescheitert. Erhard blieb davon jedoch unbeeindruckt; angesichts steigender Devisen- und Goldreserven der Bank Deutscher Länder, hoher Wachstumsraten und innerer Geldwertstabilität machte er sich zum unermüdlichen Fürsprecher einer raschen Rückkehr zur Konvertierbarkeit. Vor einem deutschen Alleingang schreckte er allerdings doch zurück, zumal zahlreiche Experten vor einem solchen Schritt warnten. So dauerte es bis Dezember 1958, ehe erneut Großbritannien die Initiative ergriff; die meisten anderen westeuropäischen Länder folgten umgehend.

Ganz ohne bestimmte Regeln und Institutionen, das lehrte die Erfahrung, waren ein freier Welthandel und geordnete internationale Währungsbeziehungen jedoch

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