Deutsche Geschichten
Wirtschaftswunder
Wirtschaftswunder
Seite 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 

waren technisch anspruchsvolle Produkte von hoher Qualität und langer Lebensdauer. Angesichts der bemerkenswerten Exporterfolge fehlten die erforderlichen Impulse zu einer Kurskorrektur, die notwendig gewesen wäre, um in zukunftsträchtigen High-Tech-Sparten wie der Datenverarbeitung einen Spitzenplatz und damit neue Märkte zu erobern; überdies scheiterten deutsche Ingenieure und Unternehmer bei dem Versuch, in Spitzentechnologiesektoren Fuß zu fassen, zweimal: in der Luftfahrt mit einem Senkrechtstarter und in der Kernenergie mit dem Schwerwasserreaktor. Anders als in der Zeit nach der Ölkrise konzentrierte man sich noch ganz auf energie-, rohstoff- und kapitalintensive Technologien, ”Produktinnovationen” rangierten deutlich vor ”Prozessinnovationen”, das heißt vor der Entwicklung neuer, kostensparender Herstellungsverfahren.

Für einen gewissen Umschwung sorgte erst der ”Sputnik-Schock” von 1957. Mit dem erfolgreichen Einstieg in die unbemannte Raumfahrt zerstörte die Sowjetunion auf einen Schlag das in der westlichen Welt verbreitete Gefühl der eigenen technischen Überlegenheit. Schlagartig geriet der Rückstand in der deutschen Hochtechnologie ins öffentliche Bewusstsein der Deutschen. Die Ausgaben der Privatwirtschaft für Forschung und Entwicklung (FuE) stiegen von 200 Millionen DM (1950) über 600 Millionen (1955) auf 1,6 Milliarden DM (1960); die öffentlichen Aufwendungen erreichten ungefähr die gleiche Höhe. Bereits zuvor hatte die Gründung des Ministeriums für Atomfragen im Jahr 1955 den Beginn einer gezielten staatlichen Technologiepolitik markiert; Förderschwerpunkte waren neben der Kernenergie die Luftfahrt- und Weltraumtechnologie. Ungeachtet dieses privaten und staatlichen Engagements herrschte in der westdeutschen Industrie bemerkenswerterweise kein Konsens über die Notwendigkeit verstärkter FuE-Aktivitäten, von dem Bereich der Reaktortechnologie einmal abgesehen.

Wirtschaftsordnung

Wichtigste Voraussetzung einer marktwirtschaftlich-sozialstaatlichen Ordnung war nach Ansicht Ludwig Erhards und seiner Anhänger ein funktionierender Leistungswettbewerb, der andere als marktkonforme oder aus sozialen Gründen gebotene staatliche Eingriffe ebenso ausschloss wie privatwirtschaftlichen Dirigismus. Unmittelbar nach der Amtsübernahme ging Bundeswirt-
schaftsminister Erhard deshalb daran, dafür den gesetzlichen Rahmen zu schaffen.

Der Streit mit der Industrie um eine Anti-

Kartell-Gesetzgebung konzentrierte sich bald auf die Frage, ob ein prinzipielles Kartellverbot angestrebt werden sollte oder lediglich, wie die Industrie wünschte, eine Missbrauchsregelung für den Fall, dass Kartelle sich nicht an die gesetzlichen Vorschriften hielten oder den Wettbewerb völlig unterbanden.

Wegen des anhaltenden Streits zwischen Erhard und der Industrie konnte das ”Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen” erst 1957 im Bundestag verabschiedet werden. Ungeachtet eines generellen Kartellverbots wurden zahlreiche Ausnahmen erlaubt: Konditionen-, Strukturkrisen-, Rationalisierungs-, Export- und Importkartelle; alle anderen Kartelle bedurften der Genehmigung des Wirtschaftsministers. Beide Seiten hatten also Abstriche hinnehmen müssen.

Aufgrund seines Kompromisscharakters und weil es keine Handhabe gegen Unternehmenszusammenschlüsse bot, vermochte das Kartellgesetz den in den sechziger Jahren einsetzenden Rekonzentrationsprozess nicht nennenswert zu stören. Dass die westdeutsche Industrie in den folgenden Jahrzehnten dennoch wettbewerblich organisiert und damit im großen und ganzen auch wettbewerbsfähig blieb, war eher dem internationalen Konkurrenzdruck zu verdanken. Obgleich die Rede vom ”Grundgesetz” der Sozialen Marktwirtschaft vor diesem Hintergrund übertrieben erscheint, dürfte die langanhaltende öffentliche Debatte das ordnungspolitische Selbstverständnis der Bundesrepublik entscheidend geprägt haben.

Durchschnittliche Wachstumsraten des Bruttosozialprodukts von annähernd acht Prozent könnten den Eindruck einer wirtschaftlichen Dynamik entstehen lassen, die keinerlei steuernder Eingriffe bedurft hätte. Konjunkturfördernde Maßnahmen waren in den fünfziger Jahren in der Tat kaum erforderlich, konjunkturdämpfende allerdings sehr wohl: Die große Herausforderung bestand in der ”Meisterung der Hochkonjunktur”, wollte man den gewohnten, große wirtschaftliche und soziale Probleme erzeugenden Zyklus von Boom, Abschwung, Krise und Aufschwung endlich überwinden.
Der Bundeswirtschaftsminister suchte dieser Aufgabe in Zusammenarbeit mit der Bank deutscher Länder bzw. der Bundesbank durch eine Kombination steuer-, kredit- und geldpolitischer Maßnahmen gerecht zu werden.

Flankiert wurden die Aktivitäten durch die berühmten Erhardschen ”Maßhalteappelle”. Von den Gewerkschaften forderte er Zurückhaltung bei den Löhnen, von den Unternehmern bei den Preisen, von den Verbrauchern beim Konsum. Zweimal, 1956

Seite 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 

cine plus Bundeszentrale für politische Bildung
Lesezeichen  Lesezeichen setzen  Artikel Empfehlen  Artikel empfehlen  Druckversion  Druckversion   Impressum   Hilfe