Deutsche Geschichten
Wirtschaftswunder
Wirtschaftswunder
Seite 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 

sozialistischen Eigentumsordnung zu beschleunigen. So wurde im Juli 1952 unter anderem die Kollektivierung der Landwirtschaft verkündet und 1958 die Überführung der letzten Einzelbauern in Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften (LPG) beschlossen. Der Wachstumseinbruch des Jahres 1956 hatte dagegen vor allem außenwirtschaftliche Gründe, da wichtige Rohstoff- und Warenlieferungen aus Polen und Ungarn aufgrund der Aufstände dort ausgeblieben waren. In der DDR führte die Einstellung der Lieferungen zu empfindlichen Störungen im Wirtschaftsleben.

Demontagen und Reparationen

Eine der tieferen Ursachen für die wirtschaftlichen Probleme muss in den Reparationsleistungen an die Sowjetunion (1945-1953) gesucht werden. Die SBZ/DDR erbrachte die höchsten im 20. Jahrhundert bekannt gewordenen Reparationsleistungen, nach neueren Berechnungen mindestens 14 Milliarden Dollar (in Preisen von 1938) inklusive Besatzungskosten. Im Vergleich zum Westen Deutschlands hatte der Osten zwar geringere Substanzverluste durch Kriegsschäden, doch die Verluste durch die sowjetischen Beuteaktionen, Demontagen und Reparationsleistungen lagen deutlich über denen der Bundesrepublik. Zwischen 1945 und 1948 entstanden infolge der sowjetischen Demontagen industrielle Strukturschäden, die besonders die spätere Wettbewerbsfähigkeit der DDR negativ beeinflussten. In der SBZ und in Ost-Berlin demontierte die sowjetische Besatzungsmacht mindestens 2000 bis 4000 Betriebe, mehr als die Hälfte davon vollständig. Als die Demontagen 1948 endeten, betrug die Gesamtkapazität der Industrie der SBZ nur noch schätzungsweise 50 bis 70 Prozent des Standes von 1936. Letztlich haben die Demontagen die industrielle Substanz stärker geschädigt als die eigentlichen Kriegszerstörungen.

Einzelne Wirtschaftsbereiche vermochten sich von den Demontagefolgen nicht vollständig zu erholen. Beispielsweise lag Mitte der fünfziger Jahre die Personenkraftwagen-Produktion bei nur etwa einem Drittel des Produktionsstandes von 1936. Spätere wirtschaftspolitische Fehlentscheidungen der SED-Führung ruinierten die einstmals führende Automobilindustrie schließlich auf Dauer. Noch gravierender waren die Folgen für das Transportwesen der SBZ/DDR. Die Transportleistungen erreichten aufgrund der umfangreichen Demontage von Gleisanlagen (Abbau des zweiten Gleises), der Mitnahme von Lokomotiven und Waggons sowie dem Abbau moderner Bahneinrichtungen 1950 nur noch etwas mehr als die Hälfte der Transportleistungen des Jahres 1936.

Neben den Demontagen führten die Reparationsleistungen, die als laufende Abschöpfungen eines Teils der industriellen und landwirtschaftlichen Produktion durch die Besatzungsmacht verstanden werden müssen, zu Verschiebungen des industriellen Strukturgefüges und zum Entzug von Investitionsgütern. Immerhin kamen 1949 drei Viertel aller Reparationslieferungen aus Betrieben des Maschinen- und Schwermaschinenbaus und des Schiffbaus, also aus Zweigen, die es im einstigen mitteldeutschen Raum nicht oder nur in geringem Umfang gegeben hatte.

Sowjetische AG

Eine zentrale Rolle in der Reparationsproduktion spielten die Sowjetischen Aktiengesellschaften (SAG). Formal lehnten sich diese an die aus dem deutschen Recht stammende Form der Aktiengesellschaften an, das heißt, es gab einen Vorstand, einen Aufsichtsrat, eine überwiegend nach deutschen Vorschriften arbeitende Buchhaltung und das Gesellschaftskapital wurde in Aktien aufgeteilt. Damit endete aber auch schon die Anlehnung an das deutsche Aktienrecht. Die SAG waren weder publikationspflichtig noch durfte ein Handel mit Aktien stattfinden. Sie waren fest in sowjetischer Hand und in die sowjetische Volkswirtschaft eingebunden. Zugleich kontrollierte die Sowjetunion mit den SAG die Schlüsselbereiche der SBZ/DDR-Wirtschaft. Durch die Überführung in sowjetisches Eigentum hatten die deutschen Finanz- und Wirtschaftsbehörden kaum Zugriffsmöglich-keiten. In der SBZ/DDR wurden diese Unternehmen in jeder Hinsicht begünstigt, sie hatten mehr Ressourcen zur Verfügung, konnten über lukrative Löhne Arbeitskräfte abwerben, erhielten finanzielle Stützungen aus dem Haushalt der SBZ/DDR und verfügten aufgrund der Reparationsforderungen über einen gesicherten Absatz.

Gegen Mitte 1947 gab es mehr als 200 SAG-Betriebe, deren Anteil an der industriellen Gesamtproduktion der SBZ/DDR zwischen 1947 und 1950 mehr als 30 Prozent betrug. Ihr Produktionsanteil an den Reparations-
leistungen lag 1947 bei 40 Prozent und erhöhte sich bis 1952 vorübergehend auf 78 Prozent. Mit dem 1. Januar 1954 galten die Reparationsleistungen offiziell als beendet. Damit waren, bis auf eine Ausnahme, auch alle ostdeutschen SAG-Betriebe wieder in DDR-Besitz.

Bei der Ausnahme handelte es sich um den Uranbergbau der Wismut AG in Sachsen und Thüringen, deren Produktion für die Sowjetunion bei der Absicherung ihrer

Seite 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 

cine plus Bundeszentrale für politische Bildung
Lesezeichen  Lesezeichen setzen  Artikel Empfehlen  Artikel empfehlen  Druckversion  Druckversion   Impressum   Hilfe