Deutsche Geschichten
Europa
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die Wirtschaftskraft nehme, gemessen am BIP, um lediglich 5 Prozent zu.
Stagnierendes Wirtschaftswachstum und hohe Arbeitslosigkeit bei den alten Mitgliedern ließen keine nennenswerte Abnahme des Wohlstandsgefälles zugunsten der neuen Mitglieder erwarten. Statt dessen sei eine umgekehrte Entwicklung realistisch: die Angleichung des Lebensstandards in den reichen Mitgliedsländern an den der ärmeren. Einherzugehen mit der langfristig absehbaren Vereinheitlichung der Durchschnitts- Einkommen auf niedrigem Niveau, scheint innerhalb der EU-Länder noch die verstärkte Differenzierung von Einkommen: Einschnitte bei den staatlichen Sozialausgaben, die Privatisierung staatlicher Unternehmen und die Stillegung unrentabler Bereiche in Industrie und Landwirtschaft könnten gerade in den neuen Mitgliedsländern des Ostens zur Verarmung breiter Bevölkerungskreise führen.
Dem gegenüber stünden prosperierende Zentren mit vergleichsweise hohen Einkommensstandards, in denen die von der EU geforderte Wettbewerbsfähigkeit gewährleistet ist. Langfristig gesehen könnte die Erweiterung der erste Schritt zu einem Europa ohne nationalstaatlich verankerte soziale Unterschiede sein. Die soziale Differenzierung innerhalb der Gesellschaften hingegen würde zunehmen. Arm wäre arm und reich wäre reich, egal ob in der Slowakei, Polen, Spanien oder Deutschland. Vielleicht ist dieser Prozess unvermeidbar und sogar wünschenswert: Die global agierenden Finanzeliten hätten dann nämlich tatsächlich jene "Internationale" im Kern identischer Arbeitnehmerinteressen geschaffen, von der marxistisch orientierte Theoretiker einst träumten.

Welle aus dem Osten?

Tag für Tag durchforstet so mancher der 4,6 Millionen deutschen Arbeitslosen die Stellenbörsen im Internet: "Bitte wählen Sie ihre gewünschte Region" steht dann zum Beispiel im Auswahlmenü. Bleib´ ich hier, geh´ ich in den Norden oder vielleicht in den Süden? Nur den ganz Flexiblen ist es egal. Ach ja, und manchmal kann man sogar Österreich oder die Schweiz anklicken, mal sehen, was es da so gibt. Aber dort macht man doch Urlaub, dort arbeitet man nicht!
Am schönsten ist es zu Hause
Uns Deutschen fällt es schwer, einen Job außerhalb des eigenen Landes richtig gut zu

finden. Viel zu sicher fühlen wir uns hier - trotz Arbeitslosigkeit und Kürzungen im Sozialbereich. Dabei soll es doch Räume eröffnen, dieses vereinte Europa. Politiker proklamieren die uneingeschränkte Wahl des Arbeitsplatzes, egal wo, wenn es nur irgendwo auf dem Gebiet der Europäischen Union ist.

Die sesshaften Europäer

Wirklich angenommen hat die große Mehrzahl der Arbeitnehmer das Angebot jedoch nicht. Etwa 5,5 Millionen Menschen leben und arbeiten außerhalb ihres Heimatlandes. Das entspricht ganzen 1,5 Prozent aller Europäer. Zu tief gehen die Wurzeln und zu hoch sind die Sprachbarrieren.
Aber jetzt, wenn mit der Osterweiterung vermeintlich "Wanderungswillige" aus armen Regionen zur Union gehören, werden Ängste laut. Die freie Wahl des Arbeitsortes gilt schon lange als erstrebenswert. Doch vorerst bleibt sie eingeschränkt. Das Credo ist einfach: Wir treiben mit euch Handel, aber ihr kommt bitte nicht zu uns und nehmt unseren Bürgern die Arbeitsplätze weg! So zumindest sieht man es im deutschsprachigen Teil Europas. Der wäre besonders betroffen, wenn sich große Massen von Esten, Letten, Polen, Ungarn, Slowenen, Litauern, Slowaken oder Tschechen gen Westen bewegen und zuallererst Deutschland und Österreich als direkte Nachbarn heimsuchen.
Um dergleichen zu vermeiden, hat man sich auf Übergangsfristen für den Zuzug von Arbeitskräften aus den neuen mittel- und osteuropäischen EU-Ländern geeinigt. Während der ersten beiden Jahre will man die Zuwanderung streng kontrollieren aber auch flexibel handhaben. Dort, wo Arbeitskräfte benötigt werden, jedoch nicht vor Ort vorhanden sind, dürfen Zuzügler aus dem Osten die Jobs annehmen. Ist der Bedarf aber gedeckt, bleiben sie draußen.
Dann will man den Andrang von Arbeitskräften aus dem Osten überprüfen. Schadet er dem heimischen Arbeitsmarkt, so verlängert sich die Frist nochmals um drei Jahre bis zur nächsten Überprüfung. Nach sieben Jahren allerdings ist Schluss mit jeder Regulierung.

Experten: Keine Völkerwanderung

Aber wie berechtigt ist die Angst vor Massen von Bewerbern, die hinter den Grenzen bloß darauf warten, für Dumpinglöhne auf dem Bau und am Fließband zu arbeiten? Ganz unterschiedliche Studien kommen zu ähnlichen

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