Deutsche Geschichten
Reichstag

Symbolhaft steht das Haus in der Mitte Berlins für unsere Demokratie. Symbol ist es auch für verfehlte Versuche, Scheitern und neue Hoffnung.

Politik und Architektur

"Reichstage" - so hießen bis zum Jahr 1806 die Versammlungen der Stände des uralten Heiligen römischen Reiches deutscher Nation. Bei der Einführung des Parlamentarismus in der Verfassung des Kaiserreichs von 1871 übernahm man die ehrwürdige Bezeichnung. Bescheidene demokratische Ansätze in der deutschen Verfassung zu verankern, war ein Kompromiss Kaiser Wilhelms I. und seines Reichskanzlers Otto von Bismarck mit den sozialen Kräften der Zeit.

"Gipfel der Geschmacklosigkeit"

Wirkliche Macht hatte das Parlament jedoch kaum. Der
Kaiser konnte den Reichstag nach Belieben einberufen oder auflösen. Trotz - oder gerade wegen - der fast völlig machtlosen Stellung des Reichstags forderten seine Mitglieder ein repräsentatives Gebäude für ihre Tagungen. Bis zur Grundsteinlegung sollten dreizehn Jahre vergehen. Der Architekt Paul Wallot war aus dem entscheidenden Wettbewerb als Sieger hervorgegangen – für einen Entwurf, den Kaiser Wilhelm II. später "den Gipfel der Geschmacklosigkeit" nannte.

Der Berliner Reichstag
Im Februar 2003

Viel Raum und weite Wege

1894 konnten die Parlamentarier endlich aus einem 23jährigen Provisorium - der umgebauten Königlichen Porzellanmanufaktur - in den Neubau umziehen: Plenarsaal für 397 Abgeordnete, Ausschussräume, Sitzungs- und Arbeitszimmer, eine Bibliothek – alles war geräumiger als früher, aber auch die Wege wurden weiter und das Restaurant ließ manchen Wunsch offen. Erst die Finanznöte des Ersten Weltkriegs steigerten die Bedeutung des Parlaments. Der sogenannte "Burgfrieden", bei dem alle Parteien Kriegskrediten zustimmten und ihre Konflikte während des Krieges nicht mehr öffentlich auszutragen versprachen, verblüffte nicht nur den Kaiser.

"Dem deutschen Volke"

Mehr noch, er gestand dem Parlament unter dem Druck der Umstände deutlich erweiterte Befugnisse zu: So benötigten künftige Kanzler nun das Vertrauen der Abgeordneten. Symbolhaft war folgender Akt: Die Inschrift "Dem Deutschen Volke" wurde 1916 angebracht, nachdem der Kaiser sich jahrelang dagegen gesträubt hatte. Freilich hätte er "Der Deutschen Einigkeit" den Vorzug gegeben. Nach der Abdankung Kaiser Wilhelms II. wurde der Reichstag Mittelpunkt des politischen Geschehens in der neuen Republik. Auch wenn man sie die Weimarer Republik nannte,

weil ihre verfassunggebende Versammlung 1919 dort tagte, wurden die politischen Geschicke – oder besser: Ungeschicke – der folgenden Jahre vom Berliner Reichstag aus gelenkt.

Versailles, Inflation, Krise

Die Jahre bis zur Machtergreifung Hitlers 1933 waren turbulent. Der jungen Demokratie wuchs ihre Aufgabe über den Kopf, die Lasten des Vertrages von Versailles, die Inflation und die Weltwirtschaftskrise zu bewältigen. Im Reichstag herrschte ein ständiges Kommen und Gehen. Keines der vierzehn Kabinette erlebte das Ende einer Wahlperiode; im Schnitt nach acht Monaten brachen die Koalitionen auseinander.

Opern-Parlament

Mit der Diktatur Hitlers verlor der Reichstag seine Bedeutung. Nach dem Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 zog das Parlament in die Kroll-Oper. Dort stimmten die Abgeordneten am 23. März dem Ermächtigungsgesetz zu – dem Freibrief für Hitler, das Parlament aufzulösen und alle Parteien außer der NSDAP zu verbieten. Das Ende der Sitzungen im Reichstag war zugleich auch das Ende der fragilen Demokratie in Deutschland. 58 Jahre sollte es dauern, bis wieder eine parlamentarische Sitzung im Reichstag stattfand.

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