Deutsche Geschichten
Reichstag
Reichstag
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Thierse: Das Wort von der "Berliner Republik", das damals umging, hat viele Fehl-Befürchtungen und Fehl-Erwartungen produziert. Wenn es nicht nur eine Ortsbezeichnung ist, sondern auch die Bezeichnung für eine befürchtete oder erhoffte grundsätzliche Veränderung der Politik, dann war es falsch und ist es noch.
Denn die Grundkoordinaten der deutschen Politik haben sich durch den Umzug von Bonn nach Berlin nicht geändert und werden sich auch nicht ändern: Wir bleiben fest integriert in das westliche Bündnis. Mitten in Europa betreiben wir europäische Politik, eine Politik des friedlichen Ausgleichs nach innen und außen. Berlin ist nicht mehr der Ort eines preußischen Imperiums. Die Zeiten sind, zum Glück, lange vorüber.

Namen russischer Soldaten auf einem Mauerstück der alten Reichstags-Ruine.
Die Zeiten sind vorüber:
Namen russischer Soldaten auf einem Mauerstück der alten Reichstags-Ruine.

Frage: Heute haben wir mit dem Rechtsradikalismus ein ganz anderes Problem, das sehr viel Schaden angerichtet hat und leider immer wieder anrichtet. Was können wir dagegen tun?

Thierse: Der Kampf gegen den neuen Rechtsextremismus ist nicht nur Sache von Polizei und Justiz. Es ist Aufgabe der ganzen Gesellschaft, für die demokratischen Grundwerte zu werben: für Humanität, für Toleranz, für zivile, friedliche Konfliktregelung. Jeder einzelne kann etwas tun, indem er einen ausländerfeindlichen oder antisemitischen Witz nicht widerspruchslos anhört oder indem er nicht tatenlos zusieht, wie ein anderer verprügelt oder beschimpft wird, sondern eingreift und Hilfe holt. Ich sehe es - auch für mich persönlich – als eine wichtige Aufgabe an, mit jungen Leuten zu reden und zu helfen, dass sich Rechtsextremismus und Ausländerfeindlichkeit gerade unter jungen Leuten nicht ausbreiten.
Das ist aber nicht nur Sache der Politiker, sondern auch Sache der Schule, der Familie, der Eltern, der Medien und vieler anderer Kräfte in der Gesellschaft.

Frage: Ein anderes Thema: Junge Leute in der Politik scheinen eine Minderheit zu sein. Trifft dieser Eindruck zu? Was kann man tun, damit Politik für junge Menschen attraktiver wird?

Thierse: Zunächst muss ich widersprechen: Im Bundestag fehlen nicht junge Abgeordnete, es fehlen alte Abgeordnete. Wir haben nur einen einzigen Abgeordneten über siebzig. Die Prozentzahl der Menschen in Deutschland, die über siebzig sind, nimmt aber ständig zu, so dass die Alten im Bundestag unterrepräsentiert sind, nicht die Jungen. Trotzdem ist es wichtig, dass die Demokratie für den eigenen Nachwuchs sorgt, dass junge Leute in die Aufgabe hineinwachsen, demokratische Politik zu machen. Da hilft nur aufklären, werben, erklären und junge Leute davon überzeugen, dass die Politik viel mit ihren Lebensproblemen und Erwartungen zu tun hat und dass es in der Politik gegen manchen Anschein durchaus menschlich zugeht.

Hans Haacke nannte seine Installation
Kunst am Bau:
Hans Haacke nannte seine Installation "Der Bevölkerung", und nahm dabei Bezug auf die Inschrift am Westportal.

"In der Kunst gilt Freiheit... Manche der Kunstwerke im Reichstagsgebäude gefallen mir sehr gut, andere finde ich eher belanglos. Es gibt auch ein paar, über die ich mich ein bisschen ärgere. Aber die Geschmäcker sind unterschiedlich. Glücklicherweise ist das so. Kunst ist Freiheit, auch im Urteil." (Wolfgang Thierse im Interview)

Der Reichstagsbrand

"Um 9 Uhr kommt der Führer zum Abendessen... Plötzlich ein Anruf: ´Der Reichstag brennt!´ Ich halte das für eine tolle Phantasiemeldung und weigere mich, dem Führer davon Mitteilung zu machen..." So steht es im Tagebuch des Dr. Joseph Goebbels. Datum der Eintragung: 27. Februar 1933. Was ist los in Deutschland?

Selbstmord der Demokratie

Vier Wochen sind vergangen, seit Hitler die Kanzlerschaft übernommen hat. Auf legale, parlamentarische Weise war das geschehen: Die deutsche Demokratie hatte sich selbst den Todesstoß versetzt. Doch immer noch gibt es politische Parteien mit ihren Kampfverbänden; es gibt Gewerkschaften und Organisationen verschiedenster Couleur. Noch ist der Weg zur "Gleichschaltung", zur Okkupation der totalen Macht nicht geebnet.

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