Deutsche Geschichten
Reichstag
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Verhaftungslisten im Safe

Mit Hindenburg steht ein zögerlicher Reichspräsident an der Spitze dessen, was von der Weimarer Republik übrig geblieben ist. Wie so oft, wirkt aber auch Hitler seltsam entschlusslos: Ohne seinen Getreuen eine Strategie präsentieren zu können, vertraut der "Führer" scheinbar allein auf sein Glück. Andere haben vorgearbeitet: Im Safe des preußischen Innenministers Herrmann Göring liegen schon die Femelisten. Kommunisten, Sozialdemokraten, Politiker der bürgerlichen Parteien, linke Schriftsteller – längst sind ihre Verhaftungen geplant.

Diese Abbildung zeigt in Wirklichkeit das brennende Modell des Reichstages
1955 im Trickatelier des DEFA-Studios für Spielfilme
Diese Abbildung zeigt in Wirklichkeit das brennende Modell des Reichstages.

Wie aber soll man dem "alten Herrn" Hindenburg die Zustimmung entwinden, steht hinter dem doch noch die Reichswehr? Wie schlagende Argumente finden, für jenes "Ermächtigungsgesetz", das dann im März durchgepeitscht wird und Hitler alle Vollmachten eines Diktators gibt? Und wie den großen Erfolg erzielen in der letzten Wahl, die Hitler der Rest-Demokratie noch einmal zugestehen musste
Die Lösung lag in der Luft: Ging da nicht ein Gespenst um in Deutschland, die Angst vor einem kommunistischen Putsch? Bis jetzt waren die roten Revolutionäre ja erstaunlich ruhig geblieben. Bereiteten sie still und heimlich etwas vor? Es wäre Hitler zupass gekommen.
Wie es ihm zupass kam, was dann passierte, lesen wir in Goebbels´ Tagebuch vom 27. Februar: "Lichterloh schlagen die Flammen aus der Kuppel. Brandstiftung! ... Über dicke Feuerwehr-Schläuche gelangen wir in die große Wandelhalle. Auf dem Wege dahin kommt uns Göring entgegen. Es besteht kein Zweifel, dass die Kommune hier einen letzten Versuch unternimmt... Nun aber heißt es handeln. Sofort verbietet Göring die gesamte kommunistische und sozialdemokratische Presse. Die kommunistischen Funktionäre werden in der Nacht dingfest gemacht... Nun können wir aufs Ganze gehen."
Und sie gingen aufs Ganze, Schlag auf Schlag! Heute ist klar, wie übrigens auch schon damals, wer die Nutznießer des Reichstagsbrandes waren. Wer aber waren die Brandstifter?

Lubbe war nicht allein

Am Tatort fassen Polizisten den holländischen Wandergesell Marinus van der Lubbe. Mit Kohlenanzünder hat er die Vorhänge des Plenarsaals in Brand gesteckt. Lubbe ist Anhänger einer kommunistischen Splittergruppe, intelligent, arbeitslos, psychisch instabil. Alle Sachverständigen – keine Nazis – sind sich einig: Das Feuer kann Lubbe allein nicht gelegt haben!

Der Brandstifter

1909: 13. Januar: Marinus van der Lubbe wird im holländischen Leiden geboren. Für längere Zeit lebt er in einem Heim für verwahrloste Kinder.
1924: Beginn einer Maurerlehre.
1925: Van der Lubbe schließt sich dem kommunistischen Jugendverband an. Bei einem Arbeitsunfall werden seine Augen verletzt.
1926-1928: Kontakte zur Kommunistischen Partei Hollands (KPH) und Gründung eines Pionierverbands.
1929: Van der Lubbe schreibt Flugblätter und Streikaufrufe und tritt als Redner auf.
1931: April: Er will in die Sowjetunion wandern, kommt aber nur bis Berlin. Nach seinem Austritt aus der KPH engagiert er sich im niederländischen "Spartacus", wo er sich die Ideen des Anarchismus aneignet.
1933: Januar: Van der Lubbe erkrankt an Augentuberkulose. Mitte Februar: Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme in Deutschland wandert er nach Berlin. 25. Februar: Er versucht drei Brandstiftungen an öffentlichen Gebäuden. 27. Februar: Um 21.27 Uhr wird er im brennenden Reichstag verhaftet. 21. September: Beginn des Prozesses. 23. Dezember: Er wird vom Reichsgericht zum Tode verurteilt.
1934: 10. Januar: Marinus van der Lubbe wird in Leipzig hingerichtet.

Freispruch für die Funktionäre

Im September 1933, die große Welle der Verhaftungen ist längst vorbei, beginnt der Prozess vor dem Reichsgericht. Das agiert mit einer, wenn auch stark eingeschränkten Unabhängigkeit: Es spricht Lubbes Mitangeklagte – den Vorsitzenden der KPD- Fraktion Torgler und die drei bulgarischen Komintern-Funktionäre Dimitroff, Popov und Toneff – aus Mangel an Beweisen frei. Der Blamierte ist Innenminister Göring. Lubbe verurteilt man zum Tode und richtet ihn bald darauf hin.
Schon kurz nach dem Brand veröffentlicht ein Komitee unter Mitwirkung des kommunistischen Agitators Willi Münzenberg ein "Braunbuch": "Den Plan zur Brandstiftung ersann der fanatische Verfechter der Lüge und Provokation: Dr. Goebbels. Die Leitung der Aktion hatte ein Morphinist: Hauptmann Göring... Das Werkzeug war ein kleiner, halbblinder Lustknabe: Marinus van der Lubbe."
So sind der Weltöffentlichkeit zwei Lesarten präsentiert:

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