Deutsche Geschichten
2. Weltkrieg
2. Weltkrieg
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Auch Churchill, der am 10. Mai die britische Regierung übernommen hatte, versuchte Frankreich im Krieg zu halten und schlug eine britisch-französische Union vor. Doch Pétain und Weygand setzten sich durch. Am 17. Juni kündigte Marschall Pétain ein französisches Waffenstillstandsersuchen an. Die politisch-moralische Krise der Dritten Französischen Republik hatte den Boden bereitet für den Zusammenbruch eines politischen Systems, das noch den Ersten Weltkrieg siegreich überstanden hatte. Doch sein zunehmender Verfall und schließlich sein Immobilismus schien für die Anhänger der Diktatur in Frankreich so wie im übrigen Europa Beweis für den Niedergang der parlamentarischen Demokratie zu sein. Der Krieg gegen Frankreich war in der deutschen Wahrnehmung eine politische Demonstration und ein Sieg über ein historisches Trauma. Der Zusammenbruch Frankreichs führte Hitler auf den Höhepunkt seiner Macht. In nur sechs Wochen hatte er mit der Wehrmacht erreicht, woran die kaiserliche Armee im Ersten Weltkrieg in vier blutigen Jahren gescheitert war, nämlich den Sieg über den angeblichen „Erbfeind“ Frankreich. Im Wald von Compiègne, wo die Deutschen 1918 um Waffenstillstand hatten bitten müssen, sollte die „nationale Schmach“ ausgelöscht werden. Die Waffenstillstandsbedingungen, die den Franzosen nun in jenem Salonwagen auferlegt wurden, in dem umgekehrt Marschall Foch am 11. November 1918 der deutschen Delegation die Waffenstillstandsbedingungen mitgeteilt hatte, waren aus politischen Erwägungen relativ maßvoll. Frankreich behielt seine Flotte und sein Kolonialreich. Das Land wurde in eine besetzte Zone im Norden bzw. im Westen und in eine unbesetzte Zone im Süden aufgeteilt. Frankreich sollte gleichsam die „Ehre“ belassen werden, um es politisch besser unter Kontrolle halten zu können. Andererseits sollte Frankreich nicht mehr in der Lage sein, einen militärischen Widerstand zu organisieren. Die Besatzungsgewalt unterstand einem deutschen Militärbefehlshaber. Der Rumpfstaat im Süden behielt eine eigene Verwaltung und geringe Streitkräfte. Sitz der neuen autoritären Regierung unter Marschall Pétain, die von der französischen politischen Rechten unterstützt wurde, war der Badeort Vichy. Sein Name wurde in Frankreich bald zum Inbegriff für eine spezifische Form der Kollaboration, die vor allem wegen des Zusammenwirkens der französischen Gendarmerie mit der Gestapo und dem SD bei der Judenverfolgung die kollektive französische Erinnerung belasten sollte. Elsaß und Lothringen wurden wie Luxemburg dem Reichsgebiet einverleibt und nationalsozialistische Gauleitern aus dem Reich unterstellt. Die Niederlande unterstanden einem Reichskommissar, der ebenfalls eine von NS-Dienststellen getragene Zivilverwal-
tung errichtete. Belgien hingegen wurde dem deutschen Militärbefehlshaber unterstellt. Damit zeichnete sich eine verwirrende Vielfalt

unterschiedlicher Formen der Besatzungsver-
waltung ab, um deren Zuständigkeiten militärische Dienststellen, Parteifunktionäre und ihre Apparate sowie Reichsministerien untereinander wetteiferten und so die polykratischen Herrschaftsformen des Dritten Reichs auf die besetzten und annektierten Gebiete übertrugen.

Besatzungspolitik

Die improvisierte Regelung der Besatzungs-
herrschaft im Westen versuchte den jeweiligen nationalen Besonderheiten und den politischen Interessen des Siegers gerecht zu werden. Auch wenn im Vergleich zu Polen (und später zur Sowjetunion) die Besatzungspolitik im Norden und Westen Europas insgesamt noch relativ gemäßigt war, so war der deutsche Macht- und Unterwerfungswille doch unüber-
sehbar und kaum geeignet, die Bevölkerung der besiegten Länder zu größeren ökonomi-
schen Anstrengungen an der Seite Deutschlands zu bewegen. Wurde in den annektierten Gebieten Elsass-Lothringens eine rücksichtslose Germanisierungspolitik betrieben, so konzentrierte sich die neue europäische Hegemonialmacht in Frankreich vor allem auf eine intensive Beutepolitik. Diese war auf die Schließung der Rohstoffengpässe der deutschen Kriegswirtschaft gerichtet, ohne dass damit eine mittelfristige Verbesserung der deutschen Versorgungslage erreicht worden wäre. Konnten die deutschen Besatzer sich noch der großen Rohstoffvorräte bemächtigen, die Frankreich in Erwartung eines langen Krieges angelegt hatte, so blieben die Erfolge in der mittel- und langfristigen Nutzung der nord- und westeuropäischen Volkswirtschaften begrenzt. Denn trotz der Kooperationsbe-reitschaft der französischen Wirtschaft gab es strukturelle Hindernisse für eine erfolgreiche Ausbeutung, die aus der Rohstoffknappheit und der Zerstörung von Warenkreisläufen durch den Krieg resultierten. Sie wurden aber auch dadurch hervorgerufen, dass die deutsche Seite allen Bestimmungen der Haager Landkriegsordnung zum Trotz der Versorgung der deutschen Bevölkerung und den Interessen der deutschen Kriegswirtschaft den absoluten Vorrang vor der Existenzsicherung der Bevölkerung in den besetzten Gebieten gab. Damit konnte zwar die Versorgung der eigenen Bevölkerung gesichert, nicht aber die Produktion der Volkswirtschaften in den besetzten europäischen Ländern angekurbelt werden. Hinzu kam die Unfähigkeit der deutschen Kriegswirtschaft, über längere Zeit die Anstrengungen der Rüstungsproduktion aufrechtzuerhalten. Bald nach dem Frankreichfeldzug ging die Rüstungsproduktion wieder zurück, während auf der britischen Seite erstaunliche Zuwachsraten zu verzeichnen waren und der Zeitfaktor für Hitlers Krieg immer enger und bedrohlicher

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