Deutsche Geschichten
2. Weltkrieg
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formulierte, zum anderen ihre innere Geschlossenheit herstellte. Mit der Entschei-
dung der angelsächsischen Mächte, zunächst Deutschland niederzuwerfen, rückte der europäische Kontinent wieder in den Blick-
punkt des globalen Geschehens. Als im Sommer 1943 an der Ostfront die deutsche Offensive im Mittelabschnitt bei Kursk aufgrund mangelnder Durchschlagskraft und der alliierten Landung in Sizilien abgebrochen werden musste, war die militärische Initiative auf die Sowjets übergegangen. Im August 1944 waren die deutschen Truppen schließlich auf die Ausgangsstellung von 1941 zurück-
gedrängt. Nachdem auch an der Südfront im Frühsommer 1943 mit der Kapitulation der deutschen und italienischen Verbände in Afrika bzw. der Landung der Alliierten in Italien am 10. Juli 1943 sich die militärische Wende abgezeichnet hatte, rückte die Westfront immer deutlicher in das Zentrum der deut-
schen Strategie. Das „Freie Frankreich“ war von der französischen Widerstandsbewegung unter Charles de Gaulle proklamiert worden und besaß seine Machtpositionen zunächst in den französischen Kolonien, vor allem in Nordafrika und in der Emigration. Die deutsche Führung hatte sich daraufhin zur Besetzung der bisher unbesetzten, nur von der Vichy-Regierung kontrollierten Zonen im Süden Frankreichs am 11. November 1942 veranlasst gesehen. Auch der Staatsstreich in Italien am 25. Juli 1943, bei dem Mussolini abgesetzt wurde, signalisierte das nahende Ende der Faschismen und einen Frontwechsel der neuen italienischen Regierung unter Pietro Badoglio. Obwohl mit der alliierten Landung in Nordafrika am 8. November 1942 und der Eroberung Siziliens am 10. Juli 1943 der Weg über Südeuropa offen schien, begann die militäri-
sche Befreiung des europäischen Kontinents von der nationalsozialistischen Herrschaft mit voller Wucht erst durch die Invasion der Westalliierten in der Normandie am 6. Juni 1944.

Helmut Hilger

In Erwartung dieser Invasion hatte die deutsche Führung ihre militärische Hauptstoß-
kraft von der Ostfront nach Frankreich verlagert, ohne dadurch die alliierte Landung verhindern und die Befreiung Frankreichs im Laufe des Spätsommers und Herbsts 1944 aufhalten zu können.


Totale Niederlage

Die Unfähigkeit des Regimes zur Politik zeigte sich schließlich auch im Unvermögen, einen rechtzeitigen Waffenstillstand oder auch einen Separatfrieden abzuschließen. So blieb am Ende nur die illusionäre Hoffnung auf einen Wechsel der Bündnisse, an die sich Hitler und Goebbels in ihren Untergangsvisionen klam-
merten. Die Möglichkeit eines Separatfriedens hatten die Alliierten allerdings schon durch die Konferenz von Casablanca im Januar 1943 weitgehend zu unterbinden versucht, als sie mit der Formel des „unconditional surren-
der“ (bedingungslose Kapitulation) die wider-
sprüchliche und nur durch die gemeinsame Gegnerschaft gegen das Hitler-Regime vereinte, Koalition bis zum militärischen Sieg zusammenzuhalten versuchten. Damit war aber dem Dritten Reich fast jeder politische

Ausweg aus der drohenden totalen Niederlage und bedingungslosen Kapitulation genommen und die deutsche Gesellschaft noch fester an das NS-Regime gekettet. Seit dem Sommer 1944 waren die militärische Niederlage und das Ende des NS-Regimes absehbar und mit ihm der Untergang des Deutschen Reichs. Im Sommer 1944 machten sich die Alliierten in einer „Europäischen Beratenden Kommission“ daran, einen Entwurf für die politische Kapitulation Deutschlands, ein Protokoll über die Aufteilung Deutschlands in einzelne Besatzungszonen und ein Abkommen über die alliierten Kontrolleinrichtungen zu verabschie-
den. Die weitere Ausgestaltung dieser Ab-
sichtserklärungen auf künftigen Konferenzen der siegreichen Mächte hing auch von der weiteren Entwicklung ab. Während Stalin alles tat, um im von der Roten Armee eroberten Polen politisch vollendete Tatsachen zu schaffen und die Rote Armee bis an die Rigaer Bucht und die Grenzen Ostpreußens vorstieß, hatte Hitlers letzter Gegenschlag, die Ardennenoffensive, den Vormarsch der amerikanisch-britischen Truppen nur kurzzeitig stoppen können. Nach schweren Kämpfen wurde Aachen am 21. Oktober 1944 als erste deutsche Großstadt erobert, der weitere Vormarsch der Alliierten in Richtung Rhein blieb vorerst stecken. Unterdessen begann am 12. Januar 1945 an der gesamten Ostfront zwischen Memel und Karpaten die sowjetische Winteroffensive, die bereits Ende des Monats bis an die Oder vorstoßen konnte. Während Hitler am 16. Januar 1945 sein Führerhaupt-
quartier in den Bunker unter der Berliner Reichskanzlei verlegte und an alle Divisionen Durchhaltebefehle erteilte, hatte in den eisigen Wintermonaten 1944/45 schon längst eine Massenflucht der deutschen Zivilbevölkerung aus Ost- und Westpreußen, aus Pommern und Schlesien begonnen. Riesige Flüchtlingstrecks hatten sich - oft mit erheblicher Verzögerung durch die Behinderung seitens der örtlichen NS-Dienststellen - vor den rasch vorrückenden sowjetischen Truppen auf völlig verstopften Straßen nach Westen in Bewegung gesetzt oder versucht, über die Ostseehäfen Königsberg und Pillau mit der deutschen Kriegsmarine zu entkommen. Wer von der Roten Armee eingeholt und überrollt wurde, dem drohten Verschleppung, Vergewaltigung oder Tod.

Lothar Kettenacker (Hrsg.)-
"Ein Volk von Opfern?"

Seit Jahren hat keine historische Debatte die Öffentlichkeit so stark beschäftigt wie die Kontroverse um die Rolle der Deutschen als Opfer im zweiten Weltkrieg. Die Leiden der Vertreibungen und des Bombenkrieges sind erst seit kurzem Gegenstand einer öffentlichen Auseinandersetzung. Doch schon regt sich Widerstand: Waren denn nicht Bombenkrieg und Vertreibung die gerechtfertigten Reaktionen auf den Angriffskrieg, der von Deutschland ausging? Dieser Band versammelt die wichtigsten Beiträge führender Historiker, Publizisten und Schriftsteller aus England und Deutschland. Kontroverse Standpunkte, analytische Texte und persönliche Erfahrungen - eine wichtige Debatte um ein verdrängtes Kapitel unserer Geschichte. Der Herausgeber: Lothar Kettenacker ist stellvertretender Direktor des Deutschen Historischen Instituts in London und Professor für neuste Geschichte an der Universität Frankfurt am Main.

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