Deutsche Geschichten
Weltweite Wirtschaftskrise
Weltweite Wirtschaftskrise
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profilieren. Ungeachtet ihres Putsches von 1923 besaßen die NSDAP-Führer jetzt auch außerhalb Bayerns Zutritt zu den "besseren Kreisen". Nicht zufällig waren die National-
sozialisten bei den Reichstagswahlen 1930 besonders dort erfolgreich, wo schon das Volksbegehren gegen den Young-Plan viele Anhänger gefunden hatte.

Zerstörung der Demokratie 1930 - 1933
Wirtschaftskrise

Ab 24. Oktober 1929 begann ein dramatischer Verfall der Aktienkurse an der New Yorker Börse ("Schwarzer Freitag"). Ursache waren jahrelange Überinvestitionen in der Industrie und damit ein Überangebot an Waren, mit dem die Nachfrage nicht Schritt gehalten hatte. Binnen kurzem weitete sich die amerikanische Krise aufgrund der internationalen Finanz- und Wirtschaftsverflechtungen zur größten Krise der Weltwirtschaft im 20. Jahrhundert aus. Um liquide zu bleiben, mussten die US-Banken Gelder zurückfordern, die sie kurzfristig in Europa angelegt hatten. In den Industrieländern sanken Produktion und Beschäftigung, Löhne und Preise stark ab. Da die so genannten Selbstheilungskräfte des Marktes ebenso versagten wie die Instrumente der Wirtschaftspolitik, ging die konjunkturelle Krise der internationalen kapitalistischen Wettbewerbswirtschaft Mitte 1931 in eine tiefgreifende strukturelle Krise über. Erst Mitte der Dreißigerjahre wurde sie international mit unterschiedlichen Mitteln überwunden. In Deutschland geschah dies im Rahmen der nationalsozialistischen Aufrüstungspolitik, die mit einer gigantischen Staatsverschuldung einherging. Die Weltwirtschaftskrise hat die Errichtung der NS-Diktatur keineswegs verursacht, aber sie hat diesen Prozess ermöglicht und beschleunigt.

Das Deutsche Reich war, nach den USA, am stärksten von der Krise betroffen. Es hatte etwa drei Viertel der kurz- bis mittelfristigen Auslandskredite für langfristige Investitionen eingesetzt. Obwohl sich schon 1928 ein Rückgang der Nachfrage angekündigt hatte, investierte die Industrie auch 1929 noch. Dadurch wurden die Überkapazitäten verstärkt, zumal bald alle Industrieländer die bereits bestehenden Zollschranken im Zuge der Krise erhöhten. Das Überangebot an Waren führte zu einer Produktionsdrosselung; Kurzarbeit und Entlassungen sowie Firmenzusammenbrüche waren die Folge. Im Winter 1929/30 gab es bereits mehr als 3 Millionen Arbeitslose, die materiell weitaus schlechter abgesichert waren als heutzutage. Die Zahl der jährlichen Konkurse verdoppelte sich von 1928 bis 1931. Es entstand ein Teufelskreis aus sich verringernder Kaufkraft, zurückgehender Nachfrage, sinkender Produktion und weiteren Entlassungen, der auch die Dauerkrise in der Landwirtschaft verschärfte. Viele kleine und mittlere Bauern konnten ihre Schulden nicht mehr abbezahlen.
Es kam zu Zwangsversteigerungen, gegen die sich ein verzweifelter bäuerlicher Protest formierte. Die schleswig-holsteinische "Landvolkbewegung" machte schon 1929 durch tätliche Angriffe auf Gerichtsvollzieher und Polizisten und durch Bombenattentate auf staatliche Gebäude (unter anderem auf den Reichstag) von sich reden.

Bruch der Großen Koalition

Die Massenarbeitslosigkeit überstieg bei weitem die finanziellen Möglichkeiten der Arbeitslosenversicherung. Bei den Haushaltsberatungen kam es zu harten Auseinandersetzungen zwischen den Koalitionsparteien. Ende Dezember 1929 erreichte die DVP die Ablösung des Finanzministers Rudolf Hilferding (SPD) durch

ihr Fraktionsmitglied Paul Moldenhauer, der dem Aufsichtsrat der I. G. Farben angehörte. Zwar einigte sich das Kabinett am 5. März 1930 auf Steuersenkungen, eine Erhöhung der Arbeitslosenversicherungsbeiträge auf vier Prozent und ein langfristiges Sparprogramm. Aber die DVP-Fraktion und die hinter ihr stehenden Unternehmerverbände lehnten diesen Kompromiss ab. Nach der Einigung über die gemeinsame Verabschiedung des Young-Planes am 12. März ging der Streit weiter. Die SPD wollte die Beitragserhöhung auf 3,75 Prozent begrenzen; die DVP knüpfte ihre Zustimmung an Bedingungen, die auf eine Kürzung des Arbeitslosengeldes hinausliefen.
Schließlich unterbreitete der Zentrums-Fraktionsvorsitzende Heinrich Brüning am 27. März 1930 einen Kompromissvorschlag, der die Hauptstreitfrage - Beitragserhöhungen oder Leistungskürzungen - vorläufig vertagte.

Heinrich Brüning

Diesmal stimmte die DVP zu, während die SPD ablehnte. Hatten sich die Sozialdemokraten seit 1928, begleitet von der Kritik ihres linken Flügels und von der Sozialfaschismus-Propa-
ganda der KPD, manchmal bis an die Grenze der Selbstverleugnung kompromissbereit gezeigt, um die Koalition zu erhalten, so sahen sie nunmehr - nicht zuletzt unter dem Eindruck der unternehmerischen Kompromisslosigkeit im Ruhreisenstreit - die Substanz des Sozial-
staates in Gefahr. So blieb dem Kabinett Müller am 27. März 1930 nur der Rücktritt.

Wie es schien, war die Große Koalition an der Unbeweglichkeit der SPD in einer an sich lösbaren Streitfrage zerbrochen. Als Hindenburg jedoch schon drei Tage später, ohne vorherige Koalitionsverhandlungen, den neuen Reichskanzler - nämlich Heinrich Brüning - ernannte, lag der Rückschluss nahe,

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Brüning 1931
Reichskanzler Brüning spricht sich dafür aus, die "(...) selbstzerfleischenden politischen Kämpfe, die in der Geschichte so oft Leid über Deutschland gebracht haben (...)", in diesem Augenblick der Wirtschaftsnot ruhen zu lassen.

dass der Bruch der Großen Koalition im Umfeld des Reichspräsidenten von langer Hand geplant war. Diesen Planungen war die SPD allerdings mit ihrer kompromisslosen Haltung entgegengekommen. Auch die bisherigen Koalitionspartner der SPD mussten eingeweiht und mit der neuen Regierungsbildung einver-
standen gewesen sein, denn Brüning ersetzte lediglich die drei sozialdemokratischen Minister durch Vertreter der "Wirtschaftspartei" (Justiz-
minister Victor Bredt), der "Volkskonserva-
tiven Vereinigung" (Minister für die besetzten Gebiete Gottfried Treviranus) und der DNVP (Ernährungsminister Martin Schiele, Vorsitzender des nationalkonservativen, großagrarisch-beherrschten "Reichslandbun-
des"). Erstaunlicherweise arbeitete die DDP erstmals mit der DNVP zusammen. Bei den Deutschnationalen konnte sich Brüning zwar auf den gemäßigten Flügel um den Fraktions-
vorsitzenden Graf Westarp, nicht aber auf den

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