Deutsche Geschichten
Versailles
Versailles
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Deutschlands, um den als gefährlich empfundenen Nachbarstaat dauerhaft kriegsunfähig zu machen. Vor allem deshalb verfolgte Poincaré seinen Plan, die Reparationsansprüche als Instrument für eine territoriale Revision des Versailler Vertrages zu benutzen: Konnte Deutschland die hohen Forderungen nicht erfüllen, so würden vertraglich festgelegte Sanktionen verhängt, nämlich die Besetzung von Teilen des Industriegebietes an Rhein und Ruhr durch alliierte bzw. französische Truppen.

Ruhrbesetzung
Als die Reparationskommission Ende 1922 einen Rückstand in Holz- und Kohlelieferungen meldete, ließ Poincare am 11. Januar 1923 das Ruhrgebiet besetzen. Die französischen und belgischen Truppen sollten die Arbeit der gleichzeitig entsandten Kontrollkommission, die die Reparationsleistungen zu überwachen hatte, absichern. In Deutschland erhob sich ein Sturm der Entrüstung, der alle Parteien- und Klassengegensätze in den Hintergrund treten ließ.

Darin sah Poincaré eine Chance, Frankreichs Ostgrenze allmählich doch noch bis an den Rhein vorzuschieben und das Ruhrgebiet mit seiner Schwer- und Rüstungsindustrie zu kontrollieren.

Londoner Ultimatum

Die deutsche Öffentlichkeit zeigte sich schok-
kiert. Die Pariser Reparationsbeschlüsse waren Wasser auf die Mühlen der konservativen und rechtsradikalen Gegner der Weimarer Repu-
blik; sie gaben der Dolchstoßlegende und der Unschuldspropaganda neue Nahrung. Die Regierung Fehrenbach erklärte die Forderun-
gen für weder annehmbar noch erfüllbar. Auf der Londoner Reparationskonferenz wurde Deutschland am 31. März 1921 ein Ultimatum gestellt: Annahme der Forderungen oder Vorlage von Gegenvorschlägen innerhalb von vier Tagen. Nach der Ablehnung eines deut-
schen Angebots in Höhe von 50 Milliarden GM, begannen alliierte Truppen am 8. März mit der Besetzung der "Sanktionsstädte" Düsseldorf, Duisburg und Ruhrort. In Deutschland kam es zu einer wochenlangen Regierungskrise, die die KPD zu einem Umsturzversuch verführte.

Ende März 1921 löste sie Arbeiteraufstände in Mitteldeutschland und in Hamburg aus, die jedoch von der preußischen Polizei niederge-
schlagen wurden. Auch polnische Freiwilligen-
verbände hielten die Gelegenheit für günstig und rückten - mit Duldung der französischen Besatzungsmacht - am 2. Mai 1921 in Ober-
schlesien ein, das sich in einer Volksabstim-
mung am 20. März mit großer Mehrheit (60 Prozent) für den Verbleib bei Deutschland entschieden hatte. Sie wurden von deutschen Freikorps vertrieben. Dennoch musste Ost-
oberschlesien aufgrund eines Beschlusses des Völkerbundsrates an Polen abgetreten werden, was in Deutschland neuerliche Verbitterung auslöste und dem Ansehen der Republik schadete.
Da die DVP die Übernahme der Reparations-
verpflichtungen nicht mitverantworten wollte, trat die Regierung Fehrenbach am 4. Mai 1921

zurück. Am Tag darauf verlangten die Sieger-
mächte die Annahme ihrer Forderungen, die sie inzwischen immerhin fast auf die Hälfte verringert hatten: 132 Milliarden GM, Jahres-
zahlungen für Zinsen und Tilgung in Höhe von etwa zwei Milliarden GM, ferner Abgabe von 26 Prozent des jährlichen Exportwertes - ande-
renfalls werde ab 12. Mai das Ruhrgebiet besetzt. Die am 10. Mai neu gebildete Weima-
rer Koalitionsregierung unter Reichskanzler Joseph Wirth (Zentrum) sah sich gezwungen, dieses "Londoner Ultimatum" anzunehmen.
Aus der Sicht der Reichsregierung überfor-
derten die Londoner Beschlüsse bei weitem die Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft und die Zahlungsfähigkeit des deutschen Staa-
tes. Daher rang die Reichsregierung 1921/22 mit den Alliierten ständig um Zahlungsaufschü-
be und um die Umwandlung von Geldzahlun-
gen in Güterlieferungen, damit Staatsverschul-
dung und Inflation nicht außer Kontrolle gerieten. Die französische Regierung hingegen argwöhnte hinter diesen Bemühungen, dass Deutschland seine Zahlungsverpflichtungen zu umgehen versuchte.

Deutsch-russisches Abkommen (Rapallo-Vertrag)
Vom 10. April bis zum 19. Mai 1922 fand in Genua eine Weltwirtschaftskonferenz unter Beteiligung Deutschlands statt...

Hyperinflation

Die durch Zinszahlung und Schuldentilgung bereits angespannte Haushaltslage wurde durch die Produktionsausfälle im Ruhrgebiet und die Unterstützung der Ausgesperrten und Ausgewiesenen enorm verschärft. Dieser Kostenlawine, die aus ordentlichen Haushaltsmitteln nicht mehr finanziert werden konnte, versuchte die Regierung mit immer höheren Krediten der Reichsbank und durch immer häufigere Betätigung der Notenpresse Herr zu werden.

Die bereits galoppierende Inflation wurde ab Juni 1923 zu einer Hyperinflation. Die Geldmenge stieg ins Astronomische: Das Giralgeld wuchs auf 500 Trillionen Mark, das umlaufende Bargeld auf fast dieselbe Summe.

Banknoten der Reichsbank
Reichsbanknoten

Zusätzlich gaben Gemeinden und Großbetriebe "Notgeld" in Höhe von 200 Trillionen Mark aus. 300 Papierfabriken und 150 Druckereien waren mit der Herstellung von Banknoten beschäftigt. Die Kaufkraft der deutschen Währung sank ins Bodenlose, der Dollar-Kurs stieg steil an; es wurden Reichsbanknoten mit immer höherem Nennwert ausgegeben. Die anhaltende Flucht in den Dollar, in Sachwerte und Immobilien beschleunigte sich. Den sprunghaften Preissteigerungen in immer kürzeren Abständen hinkten die Löhne hinterher.

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