Deutsche Geschichten
Versailles
Versailles
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kapitulationsähnlichen Waffenstillstandsgesuch gezwungen hatte und dass sich die Revolution erst Bahn gebrochen hatte, als die Illusion vom "Siegfrieden" geplatzt war. Selbst Ludendorff bezeichnete in seinen 1919 er-
schienenen "Kriegserinnerungen" Amerika als "kriegsentscheidende Macht". Aber kaum einer besaß die Aufrichtigkeit des Generals von Schönaich, der in der "Frankfurter Zeitung" vom 23. August 1924 nüchtern feststellte: "Der deutsche Militarismus beging einfach Selbst-
mord".
Die republikanischen Parteien unterschätzten die politische Sprengkraft der Dolchstoßle-
gende. Sie unterließen es, die deutsche Öffentlichkeit unablässig darüber aufzuklären, dass allein das Regime Wilhelms II. die Ver-
antwortung für Kriegsniederlage, Waffenstill-
standsabkommen und Friedensvertrag trug. Dieses Versäumnis hatte fatale Folgen: Unter den als hart und demütigend empfundenen Bedingungen des Versailler Vertrages, bei anhaltender offizieller Kriegsunschuldspro-
paganda, stieß die von prominenten kaiser-
lichen Militärs und Politikern mit Unterstützung konservativer und rechtsradikaler Zeitungen unermüdlich verbreitete Dolchstoßlegende in breiten Bevölkerungskreisen, die sich mit der Sinnlosigkeit ihrer Entbehrungen und Opfer im Krieg nicht abfinden mochten, auf Zustimmung - vom rechtsradikalen Lager und der DNVP über die Freikorps und die Reichswehr bis weit in die Reihen der bürgerlichen Parteien und der Kirchen. Dadurch wirkte sie ihrerseits wie ein Dolchstoß "in den Rücken des neuen Staates" (Albert Schwarz).

Terrorismus
In den ersten Jahren der Republik fielen zahlreiche prominente Kommunisten, Sozialdemokraten, liberale und katholische Demokraten politischen Mordanschlägen zum Opfer.

Aufstände und Putschversuche

Im Frühjahr 1920 musste die Weimarer Republik ihre erste große Existenzkrise überstehen, die durch einen Rechtsputsch ausgelöst wurde. Geplant hatte ihn die Verschwörergruppe "Nationale Vereinigung", die eine Militärdiktatur anstrebte.
Zu ihr zählten Ludendorff, General Walther Freiherr von Lüttwitz, dem die mitteldeutschen und ostelbischen Reichswehrverbände sowie sämtliche Freikorps unterstanden, Hauptmann Waldemar Pabst, der die Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts zu verant-
worten hatte, Traugott von Jagow, der letzte kaiserliche Polizeipräsident von Berlin, und Wolfgang Kapp, ostpreußischer General-
landschaftsdirektor, Mitbegründer der "Deutschen Vaterlandspartei", jetzt Mitglied der DNVP.
Ausgelöst wurden die Putschvorbereitungen durch die Abrüstungsbestimmungen des Versailler Vertrages, der am 10. Januar 1920 in Kraft getreten war. Danach mussten bis zum 31. März 1920 das Heer auf 100000, die Marine auf 15000 Mann verkleinert werden.

Wenngleich die Siegermächte eine stufenweise Truppenreduzierung und eine Fristver-
längerung bis zum Jahresende akzeptierten, standen rund 300000 Reichswehrangehörige und Freikorpsleute vor der Entlassung.
Die meisten klammerten sich an das Militär, das ihnen Halt gab. Insbesondere die ohnehin demokratie- und republikfeindlichen Freikorps fühlten sich von der Weimarer Regierung verraten, denn in ihrem Auftrag hatten sie - anstelle des nicht mehr kampfwilligen Ost-
heeres, das in den ersten Monaten nach Kriegsende unaufhaltsam nach Hause geströmt war - im Baltikum gegen die Rote Armee, im östlichen deutschen Grenzgebiet gegen polni-
sche Freiwilligenverbände gekämpft und sich 1919 im Reich an der Niederschlagung der Frühjahrsunruhen beteiligt. Zu den ersten Verbänden, deren Auflösung Noske am 29. Februar 1920 verfügte, gehörte die 6000 Mann starke, in Döberitz stationierte und von dem Korvettenkapitän Hermann Ehrhardt geführte Marinebrigade II.

Kapp-Lüttwitz-Putsch

Am 10. März verlangte General von Lüttwitz in einem Gespräch mit Reichspräsident Ebert und Reichswehrminister Noske in ultimativer Form die Beibehaltung der Freikorps, seine - Lüttwitz' - Ernennung zum Oberbefehlshaber der Reichswehr sowie die Neuwahl des Reichstages und des Reichspräsidenten. Statt Lüttwitz sofort seines Kommandos zu enthe-
ben, forderte Noske ihn lediglich auf, in den Ruhestand zu treten. Als er den General am nächsten Tag beurlaubte, hatten Lüttwitz und Ehrhardt den Putsch bereits beschlossen und entsprechende Befehle gegeben. Die Marine-
brigade traf ihre Vorbereitungen; am 12. März marschierte sie spätabends die 25 Kilometer lange Strecke von Döberitz nach Berlin, um die Regierung zu stürzen.
Währenddessen trommelte Noske die Reichs-
wehrführung zusammen, um über Gegen-
maßnahmen zu beraten. Mit Ausnahme des preußischen Kriegsministers und Chefs der Heeresleitung, General Walther Reinhardt, lehnten die versammelten Generäle den Einsatz regierungstreuer Truppen gegen die Putschisten ab - im Raum Berlin stünden nicht genügend Soldaten zur Verfügung, und "Reichswehrtruppen (würden) niemals auf andere Reichswehrtruppen schießen" - so insbesondere der General Hans von Seeckt.

Reichswehr
Die Reichswehr wurde eine Armee von länger dienenden Freiwilligen, ein Berufsheer. Den Oberbefehl führte nach der Weimarer Verfassung der Reichspräsident, im Frieden übte als sein Stellvertreter die Befehlsgewalt der Reichswehrminister aus.

Das grenzte an offenen Ungehorsam - offen-
kundig wollte die Reichswehr die parlamenta-
risch-demokratische Republik, auf deren Verfassung sie vereidigt war, nicht verteidigen. Der Regierung blieb nur die Flucht nach Stuttgart. Inzwischen besetzte die Brigade

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