Deutsche Geschichten
Widerstand
Widerstand
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Gegner des NS-Regimes geworden, zum Staatsstreich, zum Sturz Hitlers durch das Militär, um die Ausweitung des Krieges zu verhindern. Zum anderen arbeitete er an Entwürfen für eine Staats- und Gesellschaftsordnung, deren Grundlage Rechtsstaatlichkeit, Moral, bürgerlicher Anstand und die christliche Weltanschauung sein sollten. Die Vorstellungen des Goerdeler-Kreises waren stärker von autoritären Zügen geprägt als von demokratischen, ganz unübersehbar waren nationalkonservative Sehnsüchte, die sich an dem von Bismarck geprägten Deutschen Kaiserreich orientierten.
Die von Carl Goerdeler Ende 1941 verfasste und von Ludwig Beck mitverantwortete Denkschrift "Das Ziel" ist neben den "Grundsätzen für die Neuordnung" aus dem Kreisauer Kreis der wichtigste Verfassungsentwurf des Widerstandes. Aus der Entstehungszeit (es war die Zeit der größten militärischen Erfolge Hitlers) erklärte sich die Annahme, das Deutsche Reich werde in seinen territorialen Grenzen von 1938 (unter Einschluss Österreichs, des Elsass, des Sudetenlands und polnischer Gebiete) fortbestehen können.
Die politische Haltung des Goerdeler-Kreises zeigte sich in dieser Denkschrift am besten. Bezeichnend sind die Aussagen zum Wahlrecht, zum Reichsaufbau von unten nach oben, zum Selbstverwaltungsgedanken und zur beherrschenden Stellung des Reichskanzlers. Die Volksvertretung erscheint unter den verfassungsmäßigen Institutionen an letzter Stelle, quasi als Anhängsel der Reichsregierung. Dem indirekt gewählten Reichstag sollte ein nichtgewähltes Reichsständehaus (aus Vertretern von Berufsgruppen, Hochschulen und vom "Staatsführer" Berufenen) gleichberechtigt zur Seite stehen. Bei der Aufzählung der notwendigen Minister erscheint der Wehrminister an erster Stelle. Ein Arbeitsminister wurde bewusst abgelehnt, weil sich alle Ministerien in gleicher Weise für diesen wichtigsten Bereich sozialen Lebens engagieren sollten. ("Die Einrichtung eines besonderen Arbeitsministeriums vermindert die entscheidende Verantwortung, die jeder Minister als erste gerade auf dem Gebiet der Arbeit hat.")
Patriarchalische Züge mischen sich in der Konzeption Goerdelers und Becks mit moralisch-aufklärerischen Forderungen. Verantwortungsgefühl und das "Vertrauen anständiger Männer untereinander" waren den Verfassern der Denkschrift wichtigere Werte als demokratische Mitwirkungskategorien. "Der diktatorische oder tyrannische Führerstaat" schien ihnen "ebenso unmöglich wie der entfesselte überdemokratische Parlamentarismus". Als Staatsspitze wurden Möglichkeiten wie Erbkaiser, Wahlkaiser oder auf Zeit gewählter "Reichsführer" erwogen, mit einer deutlichen Vorliebe für die Erbmonarchie.

Zeichen des Widerstandes

Im Winter 1941/42 konkretisierten sich die Pläne dahin, dass nach dem gewaltsamen Sturz Hitlers zunächst ein Direktorium die

Regierungsgewalt ausüben sollte: Generaloberst Beck als Staatsoberhaupt ("Reichsführer"), Goerdeler als Reichskanzler und Generalfeldmarschall von Witzleben als Oberbefehlshaber des Heeres. Ministerlisten wurden ausgearbeitet, die später der Gestapo in die Hände fielen, mit tödlichen Folgen für viele. Ein Regierungsprogramm entstand im Sommer 1944 in der Erwartung des bevorstehenden Staatsstreichs. Dazu bedurfte es langer Verhandlungen und immer neuen Einwirkens auf die Militäropposition. 1942 versuchte Goerdeler, einen hochrangigen Truppenbefehlshaber zu gewinnen. Generalfeldmarschall Erwin von Witzleben kam nicht mehr in Frage, als er im Februar 1942 von Hitler als Oberbefehlshaber West abgelöst wurde. Im Spätherbst 1942 versuchte Goerdeler vergeblich, den Chef der Heeresgruppe Mitte an der Ostfront, den Generalfeldmarschall Kluge, zu gewinnen. Weil sich die populären Frontkämpfer versagten, blieben nur die Offiziere in Positionen des Ersatzheeres, vor allem in Berliner Dienststellen, die den Staatsstreich militärisch durchsetzen konnten. Wichtigster Ansprechpartner war General Friedrich Olbricht, der Chef des Allgemeinen Heeresamtes. Je mehr Zeit verstrich und je mehr Attentatspläne der Militäropposition misslangen, je schlechter die militärische Lage für Deutschland wurde, desto deutlicher wurde, dass der Staatsstreich nicht mehr der politischen Erneuerung, sondern nur noch der Beendigung des Krieges dienen konnte. Er hatte zudem das Ziel, der Welt ein Zeichen zu geben, dass es Widerstand gegen den Nationalsozialismus gegeben hatte. Die Regierung Goerdeler/Beck, die nach der Beseitigung Hitlers amtieren sollte, hätte nicht viel mehr tun können, als einen Waffenstillstand ohne Bedingungen zu schließen.
Schon vor dem 20. Juli 1944, an dem das Attentat auf Hitler stattfand, geriet Goerdeler unter Verdacht der Gestapo und tauchte unter. Nach einer Denunziation wurde er entdeckt und am 12. August 1944 verhaftet. Am 8. September 1944 zum Tode verurteilt, wurde er nach vielen Verhören am 2. Februar 1945 im Gefängnis Berlin-Plötzensee hingerichtet. Sein Schicksal teilten Johannes Popitz und der Großgrundbesitzer Ewald von Kleist-Schmenzin, Eugen Bolz, Ulrich von Hassell, der ehemalige deutsche Botschafter in Moskau, Graf von der Schulenburg und viele andere.

Der militärische Widerstand

Die Reichswehr hatte die Machtübernahme Hitlers mehrheitlich begrüßt. Die Militärs hofften auf die Überwindung der Hemmnisse des Versailler Vertrags, auf Wiedereinführung der Wehrpflicht und bessere Karrierechancen durch die Vergrößerung der Streitkräfte. Viele begrüßten die Beseitigung der parlamentarischen Demokratie und standen der angekündigten autoritären Staatsordnung überwiegend erwartungsvoll gegenüber. Die Militärs hatten nichts dagegen, dass die Hitlerregierung die politische Linke ausschaltete, verfolgte und die NSDAP ein

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