1890 - 1918 / 1919 - 1933 / 1933 - 1945 / 1945 - 1949 / 1949 - 1989 / 1989 - 2016
Versailles
 

Ruhrbesetzung
Französische Armeeverbände beim Aufmarsch am Essener Hauptbahnhof. Essen, 1923Französische Armeeverbände beim Aufmarsch am Essener Hauptbahnhof. Essen, 1923

Der französische Ministerpräsident Poincare beobachtete mit wachsendem Misstrauen die Bemühungen der Deutschen, unter Hinweis auf ihre zerrütteten Währungsverhältnisse Erleichterungen und Aufschübe bei der Erfüllung der Reparationen zu erreichen. Als die Reparationskommission Ende 1922 einen Rückstand in Holz- und Kohlelieferungen meldete, ließ Poincare am 11. Januar 1923 das Ruhrgebiet besetzen. Die französischen und belgischen Truppen sollten die Arbeit der gleichzeitig entsandten Kontrollkommission, die die Reparationsleistungen zu überwachen hatte, absichern. In Deutschland erhob sich ein Sturm der Entrüstung, der alle Parteien- und Klassengegensätze in den Hintergrund treten ließ. Die Reichsregierung protestierte gegen die Unrechtmäßigkeit der Besetzung und stellte umgehend alle Reparationsleistungen an Frankreich und Belgien ein. Sie rief die Bevölkerung des besetzten Gebietes zum passiven Widerstand auf. Als Arbeiter, Angestellte und Beamte sich den Anordnungen der Besatzungsmacht widersetzten, konterte diese mit der vollständigen Abschnürung des Gebietes vom übrigen Reich. Die Reichsregierung, die die streikende Bevölkerung durch Geldzahlungen und Sachleistungen in Milliardenhöhe unterstützte, hoffte, Frankreich würde die Unsinnigkeit seines Vorgehens einsehen und einlenken.
Poincare jedoch blieb unbeugsam, obwohl sich das Ruhrunternehmen als ein großer wirtschaftlicher Fehlschlag entpuppte und das französische Vorgehen auch in Großbritannien und in den USA heftig kritisiert wurde; die britische Regierung erklärte sogar im August 1923, es widerspreche dem Versailler Vertrag. Da die finanzielle Leistungsfähigkeit des Reiches wegen der Unterstützung des Ruhrkampfes völlig erschöpft, der Wert der Mark in immer schnellerem Tempo ins Bodenlose gesunken war, blieb der neuen deutschen Koalitionsregierung unter dem Reichskanzler Gustav Stresemann nur der Abbruch des Widerstandes am 26. September. Das war zwar eine erneute Kapitulation vor Frankreich und damit eine ganz unpopuläre Maßnahme. Stresemann sah darin aber den einzigen Weg zu neuen Verhandlungen, die am Ende auch zur Aussöhnung zwischen den beiden Völkern fuhren könnten.
Zudem war die Einheit des Reiches gefährdet, weil Bestrebungen von Separatisten, eine selbstständige rheinische Republik auszurufen und aus dem Reichsverband zu lösen, von Frankreich unterstützt wurden. Als aber der Ruhrkampf abgebrochen war und die Franzosen einsahen, dass die Separatisten keinen Rückhalt im Volk besaßen, gaben sie ihre weiter reichenden Pläne auf und ließen die Separatisten fallen. Als bald darauf auch die zerrüttete deutsche Währung auf eine neue Grundlage gestellt wurde, waren die Voraussetzungen für eine Stabilisierung der innenpolitischen Lage geschaffen.

Quelle: "Schlaglichter der deutschen Geschichte"
Lizenzausgabe der Bundeszentrale für politische Bildung.
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