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Deutsche Geschichten


Deutsche Revolution
Kriegsmüde und der Monarchie überdrüssig, bildeten sich nach dem Matrosenaufstand vom 03.11.1918 binnen weniger Tage überall in Deutschland Arbeiter- und Soldatenräte.

Militärische Niederlage

Als die Alliierten am 18. Juli 1918 mit an Zahl, Ausrüstung und Versorgung überlegenen Kräften zur Gegenoffensive antraten und am 8. August bei Amiens die Front durchstießen, musste auch die OHL einsehen, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen war. Hindenburg und Ludendorff konnten sich nicht dazu durchringen, den sofor-
tigen Rückzug des Heeres in verteidigungsfähige, panzer-
sichere Stellungen zu befehlen und so die militärische Voraus-
setzung für einen erträglichen Verhandlungsfrieden zu schaffen. Während die deut-
sche Front langsam, aber stetig zurückweichen musste, warnte die OHL sogar noch bis Anfang September ausdrücklich vor "übereilten" Friedensschlüssen. In dieser Situation, nach vier-
jährigen Strapazen und hohen Verlusten, kam es bei den
Fronttruppen und in der Etappe zu beträchtlichen Auflösungs-
erscheinungen (nachlässige Ausführung von Befehlen, "Drückebergerei", Urlaubs-
überschreitungen und Ähnlichem). Der "verdeckte Militärstreik" (Wilhelm Deist)

erfasste im Sommer und Herbst 1918 annähernd eine Million Mann. Im Umkehr-
schluss bedeutet diese Zahl aber auch, dass drei Viertel des Westheeres weiterhin zum äußersten Einsatz bereit waren. Seit dem Scheitern der großen Westoffensive, das sich trotz der Militärzensur nicht geheim halten ließ, breitete sich auch in der deutschen Zivilbevölkerung eine tiefe Verunsicherung aus.

In der zweiten September-
hälfte spitzte sich die militärische Lage weiter zu: Nach einer unabgesprochenen Friedensnote Österreich-
Ungarns am 14. September 1918, wegen der anhaltenden Schwäche des Osmanischen Reiches und insbesondere durch den militärischen Zusammenbruch Bulgariens am 29. September 1918 stand Deutschland ohne Verbündete da. Der Einmarsch alliierter Truppen in das Reich von Südosten her war nur noch eine Frage der Zeit. In dieser Situation trat die OHL politisch und militärisch die Flucht nach vorne an - wozu ihr auch ein-
flussreiche Unternehmer (so

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Chronologie
Das geschah im Jahr 1918

die Rüstungsindustriellen Gustav Krupp von Bohlen und Halbach und Emil Kirdorf sowie vor allem der Hamburger Großreeder und Berater des Kaisers, Albert Ballin) dringend rieten. Auf Veranlassung Ludendorffs, des strategischen Kopfes der militärischen Führung, fand am 29.

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September 1918 im Großen Hauptquartier der OHL in Spa eine Krisensitzung des "Kronrates" statt. Daran nahmen Kaiser Wilhelm II., Hindenburg und Ludendorff sowie als Vertreter der kaiserlichen Regierung ("Reichsleitung") Reichskanzler Graf Härtling und der Staatssekretär des Äußeren, Admiral Paul von Hintze, teil.

Schlaglicht
Friede von Brest-Litowsk
In Russland zwang im März 1917 eine bürgerlich-liberale Revolution, den Zaren Nikolaus II. Alexandrowitsch zur Abdankung...

Mit der übertriebenen Behauptung, die Front könne schon innerhalb von 24 Stunden zusam- menbrechen, gelang es Ludendorff und Hintze (die sich abgesprochen hatten), den Kronrat für einschneidende Maßnahmen zu gewinnen.

Revolution von oben

Nach Angaben Hintzes einigte man sich auf eine schnelle "Revolution von oben", das heißt auf die Ablösung der vom Kaiser ernannten Reichsleitung durch eine neue, erstmals vom Parlament (Reichstag) getragene Reichs-
regierung. Dadurch sollte verhindert werden, dass es bei einer weiteren Verschlechterung der militärischen Lage zu einer "Revolution von unten" (nach dem abschreckenden Beispiel Russlands) oder zu einem "Chaos" kommen würde. Ferner beschloss man die "sofortige" Übermittlung eines Waffenstillstandsangebotes an die alliierten Kriegsgegner - eine unange-
nehme Pflicht, die ohne diplomatische Vorbe-
reitung einer Kapitulation gleichkam und des-
halb der neuen Regierung zugedacht wurde.
Welche Hintergedanken Kaiser, OHL und Reichsleitung mit ihrem abrupten Kurswechsel verbanden, ließ Ludendorff durchblicken, als er am 1. Oktober 1918 gegenüber seinen Stabsoffizieren die Kriegsniederlage erstmals offen eingestand: "Ich habe aber Seine Majestät gebeten, jetzt auch diejenigen Kreise an die Regierung zu bringen, denen wir es in der Hauptsache zu verdanken haben, dass wir so weit gekommen sind. [...] Gemeint waren die "Mehrheitssozial- demokratische Partei Deutschlands" (MSPD), die linksliberale "Fortschrittliche Volkspartei" und die katho-
lische "Zentrumspartei", die im Reichstag eine oppositionelle Mehrheit bildeten.
Diese so genannten Mehrheitsparteien forderten seit vielen Jahren eine Demokra-

Politische Bildung
Vertagung der Sozialisierung
"Die ganze Macht dem ganzen Volk" und nicht mehr "Alle Macht den Räten" lautete die Parole

tisierung des obrigkeitsstaatlichen Kaiser-
reiches, insbesondere eine dem Parlament verantwortliche Regierung.
Seit 1917 bemühten sie sich gemeinsam um einen ehrenvollen "Verständigungsfrieden" ohne Gebietsverluste und Entschädigungen. MSPD, Fortschrittspartei und Zentrum sollten jetzt also die Verantwortung für den verlore-
nen Krieg übernehmen und die Suppe auslöffeln, "die wir uns und ihnen eingebrockt haben" - so hätte Ludendorff der Wahrheit entsprechend formulieren müssen. Dieser Schachzug von Kaiser, OHL und Reichsleitung, der zugleich den Grundstein zu der berüchtig-
ten "Dolchstoßlegende" legte, bedeutete den moralischen Bankrott des preußischen militärisch-aristokratischen Ehrenkodexes.

Schlaglicht
Parlamentarisierung
Als General Erich Ludendorff die militärische Niederlage eingestand, wurde auf seine Veranlassung hin die Regierung auf eine parlamentarische Grundlage gestellt.

Parlamentarische Regierung

Der kaiserliche Parlamentarisierungserlass vom 30. September 1918 stieß bei den Mehrheitsparteien auf ein positives Echo, zumal sie erst zwei Tage vorher aus eigenem Antrieb und zum wiederholten Male eine "vom Vertrauen des Reichstags getragene Regierung" gefordert hatten.

Nach der offenkundigen Verschlechterung der militärischen Lage wollten sie endlich einen ehrenvollen Verständigungsfrieden erreichen. Dass mittlerweile die totale Kriegsniederlage unabwendbar bevorstand, war zu diesem Zeitpunkt und in dieser Deutlichkeit nur dem Kaiser, den führenden Militärs, der Reichslei-
tung und einigen Industriellen bekannt. Neuer Reichskanzler sollte Prinz Max von Baden werden, ein Vetter des Kaisers, der wegen seiner sozialen und liberalen Ansichten bei den Mehrheitsparteien ein gewisses Ansehen genoss.
Als Prinz Max am 1. Oktober in Berlin erfuhr, dass er nicht nur eine neue Regierung bilden, sondern auch sofort einen Waffenstillstand herbeiführen sollte, war er schockiert und versuchte Zeit zu gewinnen. Am nächsten Tag gerieten auch die Verhandlungen über die Regierungsbildung ins Stocken, nachdem die nicht minder entsetzten Führer der Reichstags-
parteien ebenfalls einen ungeschminkten militärischen Lagebericht erhalten hatten. Aber Wilhelm II. gelang es, Prinz Max in die Pflicht zu nehmen und als der MSPD-Fraktionsvor-
sitzende Philipp Scheidemann davor warnte, "in ein 'bankrottes' Unternehmen hineinzu-
gehen", setzte sich sein Parteivorsitzender Friedrich Ebert bei den sozialdemokratischen Parlamentariern mit einem beschwörenden Appell an ihr nationales Verantwortungsgefühl durch. So erhielt das Kaiserreich am 3. Oktober 1918 die erste parlamentarische

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Regierung seiner Geschichte. Die MSPD und die Fortschrittspartei stellten je zwei Staats-
sekretäre, das Zentrum drei.

Waffenstillstand

Unterdessen beharrte die OHL auf ihrer ultimativen Forderung nach einem deutschen Waffenstillstandsgesuch; sie wollte militärisch für nichts mehr garantieren. Noch am 3. Oktober 1918 musste Prinz Max ihrem Druck nachgeben. In einer diplomatischen Note richtete er an den amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson die Bitte, alle kriegführenden Staaten zu Friedensverhandlungen einzuladen. Als Verhandlungsgrundlage sollten die "14 Punkte" dienen, ein Friedensprogramm, das Wilson seit Anfang des Jahres immer wieder verkündet und weiterentwickelt hatte; es beruhte auf den Grundsätzen "Herrschaft des Rechts und der Demokratie überall", "Selbst-
bestimmungsrecht der Völker" sowie "unpar-
teiische Gerechtigkeit und Gleichberechtigung" im Leben der Völker. Der entscheidende Satz der deutschen Note lautete: "Um weiteres Blutvergießen zu vermeiden, ersucht die deutsche Regierung, den sofortigen Abschluss eines Waffenstillstandes zu Lande, zu Wasser und in der Luft herbeizuführen." Ludendorff und Hintze hatten ihr Ziel, die OHL gewisser-
maßen aus der politischen Schusslinie zurückzuziehen, erreicht. Denn da die neue Regierung darauf achten musste, die deutsche Verhandlungsposition nicht zusätzlich zu schwächen, durfte sie die Fehlleistungen der Generalität nicht öffentlich kritisieren. Sie musste sogar die Friedensnote als ihr eigenes, politisch begründetes Werk ausgeben, wäh-
rend das Militär weiterhin als kriegsbereit und kampffähig zu gelten hatte.

Das Waffenstillstandsgesuch wirkte auf die bereits verunsicherte Bevölkerung wie ein Schock. Vier Jahre lang hatte man alles getan, um den Krieg zu gewinnen: einen "Burg-
frieden" geschlossen und die Austragung sozialer Konflikte auf die Nachkriegszeit verschoben, den "Heldentod" von Angehörigen und Freunden hingenommen und den durch die britische Seeblockade verursachten Massenhunger ertragen, der etwa eine halbe Million Todesopfer forderte. Jetzt löste sich der von der kaiserlichen Propaganda unermüdlich versprochene "Siegfrieden" in nichts auf. Mit der schmerzlichen Erkenntnis, dass alle Anstrengungen und Entbehrungen vergeblich gewesen waren, entstand aus der physischen und psychischen Kriegsmüdigkeit bei großen Teilen der Bevölkerung ein rasch um sich greifender Friedenswille.

Schlaglicht
Waffenstillstand
Am 4. Oktober 1918 hatte die deutsche Reichsregierung ein Waffenstillstandsgesuch an den amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson gesandt.

Anders als die zu zähen Verhandlungen bereite Regierung kannten die friedensbewegten Massen nur ein Ziel: die sofortige Beendigung des Krieges ohne weiteres Blutvergießen. Sie politisierten und radikalisierten sich in dem Maße, in dem der ersehnte Friedensschluss auf sich warten ließ.

Revolution

Ende Oktober 1918 wollte - mit Ausnahme der USPD - keine der Reichstagsparteien die Abschaffung der Monarchie, geschweige denn eine Revolution. Die "Mehrheitsparteien" wünschten vielmehr, um das Problem des Friedensschlusses zu lösen, eine ruhige demokratische Entwicklung. Dazu kam es jedoch nicht mehr - zum einen, weil die immer weiter anschwellende "Friedensbewegung" bereits die Abdankung des Kaisers zu ihrer Forderung erhoben hatte; zum anderen, weil Kaiser und Militär mit provozierenden Aktionen demonstrierten, dass sie nicht gewillt waren, die neue demokratische Ordnung zu respek-
tieren und mit Regierung und Parlament loyal zusammenzuarbeiten. Am 29. Oktober 1918 reiste Wilhelm II. ohne Rücksprache mit dem Reichskanzler (zu der ihn die Oktoberverfas-
sung verpflichtete) nach Spa ins Haupt-
quartier der OHL, um sich dem zunehmend friedensbewegten und antimonarchischen Klima in Berlin zu entziehen. Dieser Schritt wirkte freilich wie eine Flucht und fügte dem Ansehen der Hohenzollernmonarchie schweren Schaden zu.

Politische Bildung
Oktoberverfassung
Am 22. Oktober trat der Reichstag wieder zusammen, um die inzwischen ausgearbeitete Verfassungsreform zu beraten ...


Matrosenrevolte

Seit dem Beginn der Verfassungsberatungen im Reichstag am 22. Oktober bereitete die Seekriegsleitung ohne Wissen der Reichsregie-
rung einen Angriff auf die britische Flotte im Ärmelkanal vor. Die seit 1916 vor Wilhelmshaven und Kiel ankernden Schiffe sollten ab 29. Oktober Richtung Themse-
mündung auslaufen. Dieses Unternehmen hintertrieb nicht nur die Friedenspolitik der Regierung des Prinzen Max, auch militärisch war die Aktion sinnlos: "Wenn auch nicht zu erwarten ist, dass hierdurch der Lauf der Dinge eine entscheidende Wendung erfährt, so ist es doch aus moralischen Gesichtspunkten Ehren- und Existenzfrage der Marine, im letzten Kampf ihr Äußerstes getan zu haben," heißt es in der Eintragung im Kriegstagebuch der Seekriegsleitung vom 25. Oktober 1918.

Schlaglicht
Matrosenaufstand
Als die Marineleitung Ende Oktober 1918 der in den Häfen seit Jahren untätig liegenden Hochseeflotte den Befehl gab, zu einem letzten großen Einsatz ... weigerten sich die Matrosen ...

Die Matrosen erkannten rasch, dass sie von der Admiralität unmittelbar vor dem Ende des Krieges noch auf eine "Todesfahrt" geschickt werden sollten. In den Mannschaften gärte es bereits seit langem wegen der menschenun-
würdigen Behandlung durch ihre Vorgesetzten, der schlechten Verpflegung, des eintönigen Dienstes und der drangvollen Enge an Bord (Landurlaub gab es nur selten). Am 29./30. Oktober löschten die Matrosen auf mehreren vor Wilhelmshaven liegenden Schlachtschiffen das Feuer unter den Kesseln und zerstörten die Ankerlichtmaschinen, um das Auslaufen zu verhindern. Die Seekriegsleitung musste ihren Angriffsplan fallen lassen. Sie ließ mehr als eintausend Meuterer verhaften und in Wilhelmshavener und Kieler Militärgefängnisse bringen; ihnen drohte das Kriegsgericht und die Todesstrafe. Am 1. November forderten Kieler Matrosen vergeblich die Freilassung ihrer Kameraden.
Am 2. diskutierten sie mit Marinesoldaten und Hafenarbeitern im Gewerkschaftshaus über die Lage. Am 3. formierte sich in der Stadt ein großer Demonstrationszug, auf den eine Militärpatrouille auf Befehl ihres Leutnants das Feuer eröffnete.

Am Morgen des 4. Novembers wählten die Mannschaften Soldatenräte, bewaffneten sich und entwaffneten ihre Offiziere. Der Kieler Militärgouverneur wurde gezwungen, die gefangenen Meuterer freizulassen. Matrosen und Marinesoldaten besetzten die wichtigsten militärischen und zivilen Dienststellen. Hamburger und Lübecker Heereseinheiten, die den Aufstand niederschlagen sollten, wurden schon auf dem Kieler Bahnhof entwaffnet und verbrüderten sich mit den Kameraden der Marine. Als die Aufständischen am Abend bereits die ganze Stadt kontrollierten, erhielten sie Unterstützung von den solidarisch in Streik getretenen Werft- und Industriearbeitern. Jetzt schalteten sich die Kieler MSPD und die USPD ein und einigten sich auf einen paritätischen Arbeiterrat. In der Nacht organisierten sie einen "Provisorischen Zentralen Arbeiter- und Soldatenrat" als neues Machtzentrum, in dem sie gemeinsam den entscheidenden Einfluss ausübten. Aus Berlin traf der MSPD-Abgeordnete Gustav Noske ein, der die Gemüter beruhigen und die Lage unter Kontrolle bringen sollte.

Biographie
Gustav Noske

Deutsche Revolution
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Er wurde begeistert begrüßt - schließlich hatte man sich auch für die neue Regierung erhoben - und konnte die politische und militärische Leitung in Kiel übernehmen.

Aber die Angst, von heranrückenden Truppen eingeschlossen zu werden, und die Sorge um die in Wilhelmshaven noch inhaftierten Kameraden trugen die Matrosenbewegung über Kiel hinaus. Innerhalb weniger Tage lösten reisende Matrosengruppen in den militärischen Einrichtungen der norddeutschen Hafenstädte und weiterer Städte des Binnen-
landes eine revolutionäre Welle aus, die sich von selbst und unwiderstehlich in alle Him-
melsrichtungen fortpflanzte.

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Impressionen der deutschen Revolution

Im Prinzip spielte sich überall dasselbe ab wie in Kiel: "Die 'Kaserne' revolutionierte die 'Fabrik'" (Ulrich Kluge), Soldatenräte und Arbeiterräte übernahmen die Macht, MSPD und USPD setzten sich an die Spitze der Rätebewegung, um sie in geordnete Bahnen zu lenken. Es gab kaum Blutvergießen - nur selten erhob sich noch eine Stimme oder regte sich eine Hand für die Rettung der alten Ordnung.

Schlaglicht
9. November 1918
Vom Matrosenaufstand in den Hafenstädten war der Funke der Revolution in wenigen Tagen auf fast alle Städte im Reich übergesprungen.


Berliner Revolution

Nach der Wilson-Note vom 23. Oktober setzte sich auch bei der Reichsregierung die Überzeugung durch, dass sich erst nach der Abdankung von Kaiser und Kronprinz ein erträglicher Frieden erreichen und die Oktoberverfassung noch retten ließ. Wilhelm II. dachte jedoch nicht daran, dem Thron zu entsagen.
Am 7. November, als die revolutionäre Welle bereits rollte, forderte die MSPD ultimativ einen stärkeren Einfluss im Kabinett, eine parlamentarische Regierung auch in Preußen und "den sofortigen Rücktritt des Kaisers und Kronprinzen". "Jetzt heißt's, sich an die Spitze der Bewegung zu stellen, sonst gibt's doch anarchische Zustände im Reich" - so beurteilte Scheidemann die Lage.

Mittlerweile bereitete sich der linke Flügel der USPD in der Hauptstadt auf die Revolution vor. Besonders aktiv waren die "Spartakusgrup-
pe" (in Berlin annähernd 100, reichsweit 2000 bis 3000 Anhänger der russischen Revolution, geführt von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht) und die "Revolutionären Obleute" (80 bis 100 bei den Berliner Arbeitern angesehene linksradikale Gewerkschafts-
funktionäre). Wie überall musste die Haltung der Soldaten den Ausschlag geben; aber anders als in den übrigen Städten ging es in Berlin in erster Linie um die Kontrolle über die Reichspolitik.

Am 9. November begann die Revolution mit einem Generalstreik der größeren Betriebe, ausgerufen von den Revolutionären Obleuten und der Spartakusgruppe, mitgetragen von der MSPD und den ihr nahe stehenden Gewerkschaften, unterstützt von den zunehmend MSPD-orientierten Soldaten. Arbeiter- und Soldatenräte wurden gebildet, das Polizeipräsidium und andere strategisch wichtige Gebäude besetzt. Die Straßen der

Innenstadt füllten sich mit endlosen Demon-
strationszügen. Da die MSPD fürchtete, ihren Einfluss auf die revolutionäre Bewegung zu verlieren, erklärte sie ihren Austritt aus der Reichsregierung.

Abdankung der Hohenzollern

Währenddessen versuchte Prinz Max die Monarchie zu retten. Vergeblich beschwor er den Kaiser in Spa telefonisch und telegrafisch zur Übergabe des Throns an einen "Regen-
ten" (das heißt einen verfassungsmäßigen Vertreter), der Friedrich Ebert zum Reichs-
kanzler ernennen und eine "verfassung-
gebende deutsche Nationalversammlung" wählen lassen sollte. Gegen 11.30 Uhr sah der Reichskanzler keine andere Möglichkeit mehr, als eigenmächtig die vollständige Thronent-
sagung von Kaiser und Kronprinz bekannt zu geben. Gegen 12 Uhr erschien Friedrich Ebert mit weiteren Spitzenpolitikern der MSPD in der Reichskanzlei und forderte Prinz Max zur Übergabe der Regierungsgeschäfte auf.

Biographie
Friedrich Ebert

Er wolle sich an die Verfassung halten, könne aber für die Monarchie keine Garantie mehr übernehmen. Nach einer kurzen Kabinetts-
beratung "übertrug" der Kanzler sein Amt auf den MSPD-Vorsitzenden.
Ebert wandte sich sogleich mit mehreren Aufrufen an die Öffentlichkeit, in denen er versprach, eine "Volksregierung" zu bilden, Frieden zu schließen und die Freiheit zu sichern. Eindringlich forderte er dazu auf, die Nahrungsmittelversorgung sicherzustellen, die Straßen zu verlassen und für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Eine verfassunggebende Nationalversammlung sei zu wählen - erstmals unter Beteiligung der Frauen. Die "Volksgenossen in Waffen" sollten so rasch wie möglich zu ihrer Familie und zur Erwerbsarbeit zurückkehren. Das Eigentum müsse vor "willkürlichen Eingriffen" geschützt werden.

Ausrufung der Republik

Aber die revolutionär gestimmten Massen erwarteten einen klar erkennbaren politischen Neubeginn. Gegen zwei Uhr nachmittags wurde Philipp Scheidemann genötigt, an ein Fenster des Reichstags zu treten und zu der versammelten Menge zu sprechen.

Biographie
Philipp Scheidemann

Er ließ sich spontan dazu hinreißen, nicht nur das Ende der Hohenzollernherrschaft und des "Militarismus" zu verkünden, sondern auch die "deutsche Republik" auszurufen.

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Audiobeitrag
Scheidemann Republikausruf 1918
9. November 1918 - Scheidemann wird durch die Ereignisse zum Handeln gezwungen und verkündet dem deutschen Volk:
"Seit euch der geschichtlichen Bedeutung dieses Tages bewusst. (...) Alles für das Volk, alles durch das Volk. (...) Die Monarchie ist zusammengebrochen. (...) Es lebe das Neue, es lebe die deutsche Republik."

Reichskanzler Ebert werde eine Regierung aller sozialistischen Parteien bilden. Die

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Militärbefehlshaber müssten ihre Befehle von einem sozialdemokratischen Beauftragten gegenzeichnen lassen. Jetzt komme es auf "Ruhe, Ordnung und Sicherheit" an. Die Menge war begeistert, der streng legalistisch den-
kende Ebert entsetzt: "Du hast kein Recht, die Republik auszurufen! Was aus Deutschland wird, ob Republik oder was sonst, entscheidet eine Konstituante (verfassunggebende Natio-
nalversammlung - Anm.d.Red.)!" schrie er seinen Parteifreund an.

Zwei Stunden später proklamierte der "Spartakus"-Führer Karl Liebknecht vom Balkon des Berliner Stadtschlosses aus die "freie sozialistische Republik Deutschland". Er erklärte die "Herrschaft des Kapitalismus" für gebrochen und propagierte eine "neue staat-
liche Ordnung des Proletariats" mit dem Ziel der "Vollendung der Weltrevolution". Die ge-
gensätzlichen Reden von Scheidemann und Liebknecht ließen heftige Auseinandersetz-
ungen zwischen reformorientierten und revo-
lutionären Sozialisten erwarten.

Politische Bildung
Stinnes-Legien-Pakt
Schon früh wurden die Weichen so gestellt, dass die rheinisch-westfälischen Schwerindustriellen von Enteignungen verschont blieben ...

Am Morgen des 10. Novembers übertrug Wilhelm II. in Spa Hindenburg das militärische Oberkommando und trat mit dem Hofzug die Fahrt nach Holland ins Exil an. Ludendorff floh, verkleidet und mit falschen Papieren, nach Schweden.

Machterhalt der wilhelminischen Eliten

Die Entwicklung zwischen November 1918 und Januar 1919 bewirkte ein Abbremsen der Revolution - die Umwälzung blieb auf den politischen Bereich beschränkt. Eine Demo-kratisierung des öffentlichen Dienstes, der Wirtschaft und wichtiger gesellschaftlicher Einrichtungen fand nicht statt. Seit Eberts Aufrufen vom 9. November arbeiteten die Regierungs-, Verwaltungs- und Justizbehörden ohne wirksame Kontrolle weiter; selbst betont antidemokratische Beamte wurden nicht entlassen. Gymnasien und Universitäten - Hochburgen des Monarchismus, Nationalismus und Antisemitismus - blieben unreformiert. Die evangelischen Landeskirchen, deren Pfarrer-
schaft sich (besonders in Preußen) mit wenigen Ausnahmen kritiklos mit Kaiser und Reich identifiziert hatte, mussten freilich auf das landesherrliche Kirchenregiment (das heißt auf die Stellung des Landesfürsten als Kirchen-
oberhaupt) verzichten, das dem Protestantis-
mus eine Vorrechtsstellung gegenüber dem Katholizismus gesichert hatte. Erst Mitte der zwanziger Jahre fanden die evangelischen Kirchen zu einer versöhnlicheren Haltung gegenüber der Republik.

Politische Bildung
Rat der Volksbeauftragten
... die neue Regierung wurde "bestätigt" und erhielt die Bezeichnung "Rat der Volksbeauftragten"...

Generalität und Offizierskorps behielten ihre Stellung. Noch am Abend des 10. November 1918 unterstellte sich die OHL in einem Telefongespräch (bekannt als "Ebert-Groener-Bündnis") dem Rat der Volksbeauftragten, um ihrer Auflösung zu entgehen und ihre Autorität gegenüber den Soldaten zu festigen. Sie erließ

sogar einen Befehl zur Bildung von Arbeiter- und Soldatenräten im Feldheer - um "diese Bewegung in die Hand der Offiziere zu bekommen". Zwar wurden die kaiserlichen Militärs für die Demobilisierung noch gebraucht, aber die Volksbeauftragten versäumten es, der OHL gegenüber selbst-
bewusst aufzutreten und deren Befugnisse auf das Nötigste zu beschränken. Stattdessen stärkten sie in zwei unbefristeten Erlassen vom 11. und 12. November 1918 die Autorität der Offiziere, während sie den Soldatenräten lediglich eine beratende Stimme in Verpflegungs-, Urlaubs- und Disziplinar-
angelegenheiten zubilligten. Immerhin versuchten die Volksbeauftragten per Erlass vom 12. Dezember, eine "Freiwillige Volks-
wehr" aufzustellen, die das kaiserliche Militär ersetzen konnte. Doch dieses Projekt scheiterte, weil nur wenige republikanisch und demokratisch gesinnte Weltkriegssoldaten noch zum Wehrdienst bereit waren. So blieb die alte Armee bestehen. Im Zuge der Demobilisierung schmolz sie unter der Regie der OHL bis zum Sommer 1919 auf einen Kern von etwa 150000 Mann zusammen, die der Republik und der Demokratie fast ausnahms-
los fern standen.

Auch die ostelbischen adligen und bürgerlichen Großgrundbesitzer, die im Kaiserreich den Großteil des höheren Offizierskorps stellten und das Rückgrat der Monarchie bildeten, kamen ungeschoren davon. Ihre Entmachtung wäre, zumal die Rätebewegung die Kleinstädte und Dörfer der Agrargebiete nicht erreicht hatte, nur durch Enteignung möglich gewesen; doch diese Forderung wurde von keiner gesellschaftlichen Gruppe erhoben.

Politische Bildung
Rätesystem oder Parlamentarismus
Über private und staatliche Betriebe, über Regierungen, Verwaltungen und Militärbehörden aller Ebenen hatte sich ein locker geknüpftes Netz aus revolutionären Gremien gelegt ...

Rätekongress

Vom 16. bis zum 21. Dezember 1918 tagte im preußischen Abgeordnetenhaus in Berlin der "Erste Allgemeine Kongress der Arbeiter- und Soldatenräte Deutschlands". Reichsweit war auf je 200000 Einwohner bzw. je 100000 Soldaten ein Delegierter gewählt worden. Der Kongress führte eine Grundsatzdebatte über die Vor- und Nachteile des Rätesystems und der parlamentarischen Demokratie sowie über den richtigen Zeitpunkt der Wahl einer verfassunggebenden Nationalversammlung. Er fasste - jeweils mit großer Mehrheit - richtungweisende Beschlüsse:

· Abgelehnt wurde der Antrag der USPD, am "Rätesystem als Grundlage der Verfassung einer sozialistischen Republik" festzuhalten und den Räten die "höchste gesetzgebende und Vollzugsgewalt" zuzugestehen.

· Angenommen wurde der Antrag der MSPD, bis zur Regelung durch die Nationalver-
sammlung die gesetzgebende und vollziehende Gewalt dem Rat der Volksbeauftragten zu übertragen und diesen nicht mehr durch den Berliner Vollzugsrat, sondern durch einen vom Kongress zu wählenden "Zentralrat der Deutschen Sozialistischen Republik" zu kontrollieren. In diesem Gremium war dann nur die MSPD vertreten. Die USPD boykottierte die Wahl, weil ihrer Forderung nach vollem Recht des Zentralrats, Gesetzen vor ihrer Verkündung zuzustimmen oder sie abzulehnen, nicht entsprochen worden war. Das Ende der Zusammenarbeit zwischen den beiden Linksparteien kündigte sich an.

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Die Wahlen zur verfassunggebenden Nationalversammlung wurden auf den frühestmöglichen Termin (19. Januar 1919) festgesetzt. Damit hatte sich erwartungsgemäß die politische Linie der MSPD durchgesetzt. Denn von den 514 Delegierten des Reichsrätekongresses stellte sie rund 300, die USPD etwa 100 (darunter 10 Spartakisten); die übrigen waren Linksliberale, Parteilose oder Vertreter unabhängiger revolutionärer Gruppen. Die Schwäche der radikalen Linken wurde dadurch unterstrichen, dass Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht kein Mandat erhalten hatten.

Schlaglicht
Militarismus
Der Militärdienst wurde zur »Schule der Nation« aufgewertet. Wer gedient hatte, galt mehr in der Gesellschaft, wer in seiner beruflichen Laufbahn vorankommen wollte, musste natürlich Reserveoffizier sein.

Umso mehr überraschten zwei weitere Beschlüsse: Die Volksbeauftragten wurden angewiesen, "mit der Sozialisierung aller hierzu reifen Industrien, insbesondere des Bergbaus, unverzüglich zu beginnen". Ferner sollten sie die militärische Kommandogewalt (unter der Kontrolle des Vollzugsrates) selbst übernehmen und für die "Zertrümmerung des Militarismus" und die "Abschaffung des Kadavergehorsams" sorgen. Offenbar existierte in der starken demokratisch-sozialistischen Massenbewegung jener Wochen ein parteiübergreifender Konsens über eine strukturelle Demokratisierung von Heer, Verwaltung und Wirtschaft. Die dafür notwendigen Maßnahmen sollten nicht der Nationalversammlung (das heißt der Kompromissbereitschaft des Bürgertums) überlassen, sondern bereits jetzt von den mit nahezu diktatorischen Vollmachten ausgestatteten Volksbeauftragten getroffen werden.

Doch die Mehrheitssozialdemokraten blieben ihrer politischen Devise treu, dass man der Nationalversammlung nicht vorgreifen dürfe, und sorgten dafür, dass die Reformbeschlüsse des Rätekongresses nicht umgesetzt, sondern hinausgezögert wurden. Je länger die Volks-
beauftragten an der Politik der "Konkursver-
waltung" festhielten, und je mehr sie damit die aktivistische radikale Linke gegen sich auf-
brachten, desto stärker mussten sie sich an die alten Mächte anlehnen, um sich zu behaupten - vor allem an das Militär, dessen Stellung dadurch nahezu unangreifbar wurde. Diese Politik führte schließlich zum Blutver-
gießen und zum Bruch zwischen USPD und MSPD.

Weihnachtskämpfe

Seit Mitte Dezember schwelte ein Streit um die "Volksmarinedivision", die nach dem 9. November 1918 zum Schutz des Berliner Regierungsviertels aus etwa 1000 Kieler Matrosen aufgestellt und im Schloss einquar-
tiert worden war. Mittlerweile stand sie der USPD und dem "Spartakusbund" nahe, rückte jedoch ihre materiellen Interessen in den Vordergrund - im Schloss verschwanden Kunstschätze. Daher sollte die Volksmarine-

division nach dem Willen der Volksbeauf-
tragten ein neues Quartier beziehen. Die Matrosen stimmten erst zu, ließen es jedoch am 23. Dezember auf eine Machtprobe ankommen: Sie setzten die Volksbeauftragten in der Reichskanzlei fest und entführten den Stadtkommandanten Otto Wels in den Marstall, wo er misshandelt wurde.

Daraufhin rief Friedrich Ebert über eine nicht überwachte Telefonleitung OHL-Truppen zu Hilfe, die sich am nächsten Tag bei einem Feuergefecht mit der Volksmarinedivision als bürgerkriegsuntauglich erwiesen: Sie zogen sich zurück, als sie auch die Sicherheitswehr des Berliner Polizeipräsidenten Emil Eichhorn (USPD), bewaffnete Arbeiter und eine unbewaffnete Volksmenge gegen sich hatten. Ebert erlitt eine Niederlage: Wels kam frei, musste aber als Stadtkommandant zurücktreten; Schloss und Marstall wurden geräumt, aber die Volksmarinedivision blieb bis auf weiteres bestehen. Aus Protest gegen den Militäreinsatz beendete die USPD am 29. Dezember ihre Zusammenarbeit mit der MSPD und schied aus den Revolutionsregierungen aus. Im Rat der Volksbeauftragten wurden die USPD-Mitglieder von den Mehrheitssozial-
demokraten Gustav Noske (Militär) und Rudolf Wissell (Arbeit und Soziales) abgelöst.
Die Weihnachtskämpfe und der Bruch zwischen den beiden Linksparteien signalisierten den Eintritt der Revolution in eine zweite, weitaus radikalere Phase. Bereits seit Mitte November hatte die OHL parallel zur Demobilisierung des Heeres die Bildung von "Freikorps" durch ausgesuchte Offiziere gefördert. In diesen (meist von Großagrariern und Industriellen finanzierten) militärischen Freiwilligenverbänden sammelten sich antirevolutionär, monarchistisch und nationalistisch eingestellte Weltkriegssoldaten, die nur das Kriegshandwerk gelernt hatten, keinen Rückweg in eine zivile Existenz mehr fanden und gegen den "Bolschewismus" kämpfen wollten. Jetzt ließen auch die Volksbeauftragten in Zusammenarbeit mit der OHL überall Freikorps anwerben. Diesen war die Sicherung der östlichen Grenzgebiete und (entsprechend dem Waffenstillstandsab-
kommen) der Schutz des Baltikums vor der Roten Armee zugedacht, sie sollten sich aber auch für den Einsatz im Innern eignen. Bis März 1919 entstanden etwa 100 Freikorps unterschiedlicher Stärke mit einer Gesamtzahl von 250000 Mann. Sie fühlten sich allein ihren Kommandeuren und dem Staat als solchem verpflichtet, nicht aber der Republik und der Demokratie.


Politische Bildung
Gründung der KPD
Am 1. Januar 1919 gründete der "Spartakusbund" zusammen mit Hamburger und Bremer Linksradikalen die "Kommunistische Partei Deutschlands" (KPD) ...

Januaraufstand

Nach den Weihnachtskämpfen war die nächste Machtprobe bereits programmiert: Ein Berliner Polizeipräsident, der Aufständischen half, statt die Regierung zu

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schützen, war nicht tragbar - am 4. Januar 1919 wurde Eichhorn entlassen. USPD, Revolutionäre Obleute und KPD riefen sogleich zu einer Protestdemonstration auf. Am 5. Januar strömte eine große, unerwartet aktionsbereite Menschenmenge zusammen. Die Situation geriet rasch außer Kontrolle; bewaffnete Demonstranten besetzten das Berliner Zeitungsviertel. In völliger Fehleinschätzung der Lage ließen sich die Führer der drei linksradikalen Gruppen zu dem Beschluss hinreißen, den Aufstand bis zum "Sturz der Regierung Ebert-Scheidemann" fortzusetzen. Sie glaubten offenbar, die Wahl zur Nationalversammlung verhindern und die Revolution weitertreiben zu können.

Die Volksbeauftragten hatten sich rechtzeitig an den Stadtrand zurückgezogen. Mit den Worten: "Meinetwegen! Einer muss der Bluthund werden, ich scheue die Verantwortung nicht!" übernahm Gustav Noske den Auftrag, in der Umgebung Berlins Freiwilligenverbände aufzustellen. Als Verhandlungen mit den Aufständischen scheiterten, ließ er am 11./12. Januar 1919 das Berliner Zeitungsviertel von seinen Freiwilligenverbänden beschießen und stürmen. Es gab zahlreiche Tote und Verletzte. Am 13. Januar konnte die Wiederherstellung der Sicherheit und Ordnung in Berlin bekannt gegeben werden. Dennoch ließ Noske am 15. Januar noch zusätzliche Freikorps der OHL in die Stadt einrücken. Aus deren Reihen stammte eine Gruppe von Offizieren um den Hauptmann Waldemar Pabst, die am selben Tag die KPD-Führer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht in ihre Gewalt brachte und brutal ermordete.

Biographie
Karl Liebknecht

Die Täter gingen vor dem Militärgericht straffrei aus bzw. entzogen sich ihrer geringen Freiheitsstrafe durch die Flucht.

Vom Verlust seiner beiden fähigsten Köpfe konnte sich der deutsche Kommunismus nie mehr erholen. Die KPD machte die MSPD für die Bluttat politisch verantwortlich; umgekehrt warf die MSPD der KPD vor, sie durch ihren sinnlosen Putschismus zum Militäreinsatz gezwungen zu haben. Aus der Gegnerschaft zwischen den beiden Parteien wurde eine erbitterte Feindschaft. Nach der blutigen Niederwerfung des Januaraufstandes radikalisierte sich auch die USPD.

Parlamentarische Demokratie

Am 19. Januar 1919 wurde die verfassung-
gebende Nationalversammlung gewählt. In 38 Wahlkreisen (mit nur organisatorischer Funktion) entfiel nach dem reinen Verhältnis-
wahlrecht auf je 150000 Stimmen ein Mandat. Nach der Senkung des Wahlalters von 25 auf 20 Jahre und der Einführung des Frauenwahl-
rechts durften 36,7 Millionen und damit gut zweieinhalb Mal so viele Menschen wählen wie bei den letzten Reichstagswahlen 1912. Die Wahlbeteiligung betrug 83 Prozent. Neben den

Ergebnissen von USPD und MSPD wurde mit besonderer Spannung das Abschneiden der bürgerlichen Parteien erwartet, die sich im November/Dezember 1918 neu formiert hatten. Ihre Stärke in der Nationalver-
sammlung musste darüber entscheiden, wie die Verfassung aussehen und welche gesellschaftlichen Reformen noch durchführbar sein würden. Zwischen den Parteien des Kaiserreiches und der Republik gab es eine bemerkenswerte Kontinuität.

Politische Bildung
Bürgerliche Parteien
Im Lager des bürgerlichen Liberalismus setzte sich die überkommene Spaltung fort.

Eindeutige Wahlsieger waren die Mehrheits-
sozialdemokraten. MSPD, DDP und Zentrum - die "Mehrheitsparteien" im letzten kaiserlichen Reichstag - brachten es gemeinsam auf 76,1 Prozent der Wählerstimmen, was Republik und Demokratie ein solides Fundament zu verleihen schien. Die beiden sozialdemokrati-
schen Parteien blieben zusammen deutlich unter, die bürgerlichen Parteien über der 50-Prozent-Marke - ein Trend, der sich bei sechs Landtagswahlen im Dezember und Januar bereits abgezeichnet hatte. Insgesamt bedeutete das Wahlergebnis einen großen Sieg für die Anhänger der parlamentarischen Demokratie und eine klare Niederlage für deren linksradikale und monarchistische Gegner, aber auch eine herbe Enttäuschung für alle Befürworter von tiefgreifenden Ge-
sellschaftsreformen mittels Sozialisierungen.

Die neue Macht

Am 4. Februar 1919 übertrug der vom Reichsrätekongress gewählte "Zentralrat der Deutschen Sozialistischen Republik" seine Gewalt auf die Nationalversammlung. Diese trat am 6. Februar nicht im Reichstag, sondern im Weimarer Nationaltheater zusammen - einerseits, um nach dem Berliner Januaraufstand ungestört zu beraten; andererseits, um das republikanische Deutschland symbolisch mit den humanistischen, aufklärerischen und klassischen Traditionen der deutschen Kultur zu verbinden. Am 11. Februar wählten die Abgeordneten Friedrich Ebert zum ersten Reichspräsidenten; dieser beauftragte Philipp Scheidemann mit der Regierungsbildung. Am 13. Februar wurde die erste, vom ganzen deutschen Volk legitimierte, parlamentarisch-demokratische Regierung aus Ministern der MSPD, der DDP und des Zentrums ("Weimarer Koalition") vereidigt. Danach begannen die Verfassungsberatungen und die allgemeine Gesetzgebung.
In den folgenden Wochen traf die Nationalversammlung wichtige gesetzliche Grundsatzentscheidungen:

· Das Gesetz über die vorläufige Reichswehr vom 6. März 1919 schuf ein einheitliches Militär, das einen Teil der Freikorpsverbände integrierte. Aber auch die übrigen Freikorps blieben vorerst bestehen. Die OHL wurde bestätigt; erst der Friedensvertrag von Versailles erzwang ihre Auflösung.

Deutsche Revolution
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· Das Sozialisierungsgesetz vom 13. März 1919 ermöglichte eine Vergesellschaftung von Bergbau und Energiewirtschaft, aber "gegen angemessene Entschädigung". Wegen der damit verbundenen hohen Kosten wurden Enteignungen praktisch unmöglich gemacht.

· Das Kohlenwirtschaftsgesetz vom 23. März 1919 stellte die bestehenden Kohlensyndikate (Absatzkartelle) unter die Kontrolle eines 60köpfigen Reichskohlenrates, dem aber nur 22 Arbeitnehmervertreter angehörten.

Frühjahrsunruhen

Nach den für die radikale Linke enttäuschen-
den Wahlen zur Nationalversammlung kam es zwischen Februar und Mai 1919 zu einer Welle von lokalen Aufständen (Ausrufungen kurzlebiger Räterepubliken, unter anderem in Bremen, Mannheim und Braunschweig), zu umfangreichen "wilden" Streiks (das heißt ohne Beteiligung der Gewerkschaften) und Betriebsbesetzungen in weiten Teilen des Reiches, insbesondere im mitteldeutschen Bergbau um Halle und Merseburg und im Ruhrgebiet. Dabei ging es um den Erhalt und Ausbau des Rätesystems sowie um die Verwirklichung der Beschlüsse des Reichsräte-
kongresses vom Dezember 1918 (Einführung demokratischer Strukturen im Militär) und der Vorschläge der Sozialisierungskommission zur Vergesellschaftung des Bergbaus, zum Teil auch um höhere Löhne und bessere Arbeits-
bedingungen. Die Massenbewegung dieser zweiten Phase der Revolution war in ihrem Umfang erheblich kleiner, in ihren Zielen bedeutend radikaler als die Volksbewegung vom November 1918. Die Mehrheit der Industriearbeiter stand jetzt im Lager der USPD.

Anfang März 1919 fand in Berlin ein von Anhängern aller Linksparteien organisierter Generalstreik für die Durchführung der Reformen zur Demokratisierung des Militärs statt. Als er auf Beschluss der Berliner Arbeiterräte-Versammlung auch auf lebenswichtige Versorgungsbetriebe ausgedehnt werden sollte, zogen sich MSPD und USPD aus der Streikleitung zurück. Daraufhin betrieb die KPD die Umwandlung des Streiks in einen Aufstand, was zur Verhängung des Ausnahmezustandes über Berlin führte. Aufgrund der Falschmeldung, Kommunisten hätten 60 Polizisten ermordet, erließ Gustav Noske (inzwischen Reichswehr-

minister) als Inhaber der vollziehenden Gewalt am 9. März den Befehl: "Jede Person, die mit Waffen in der Hand gegen Regierungstruppen kämpfend angetroffen wird, ist sofort zu erschießen."

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Gustav Noske
Noske erklärt die eine Woche andauernden Unruhen in Berlin für "erfolgreich niedergeschlagen" und gedenkt der gefallenen Soldaten. Während des vehementen Vorgehens seitens der Regierung, werden Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht im Verlaufe des Aufstandes erschlagen.

Freikorps und Polizei sahen darin einen Freibrief. Die Berliner Märzkämpfe kosteten rund 1000 Menschen das Leben.
In Bayern löste am 21. Februar 1919 die Ermordung des Ministerpräsidenten Kurt Eisner (USPD) durch einen monarchistischen Offizier große Empörung aus. Die Linksparteien beriefen eine Versammlung der Münchner Räte ein, aus der eine provisorische Räteregierung (ohne Beteiligung der MSPD) hervorging. Mitte März wurde sie durch eine vom Landtag gewählte Koalitionsregierung von MSPD, USPD und Bauernbund abgelöst. Radikalisierte Anhänger der KPD und der USPD sowie anarchistische Intellektuelle riefen jedoch im April eine Räterepublik aus und stellten eine "Rote Armee" auf. Die bayerische Regierung floh nach Bamberg. Am 13. April übernahm die KPD in der Landeshauptstadt die Macht und proklamierte eine zweite, kommunistische Räterepublik. Daraufhin schickte Noske starke Freikorpsverbände nach München, die die Räterepublik nach harten Kämpfen auflösten. Unter den insgesamt 606 Todesopfern befanden sich 335 Zivilisten und 38 Freikorpssoldaten.

Mit der Münchner Räterepublik, die die Bolschewismusfurcht des Bürgertums nachhaltig schürte, endete am 3. Mai 1919 zugleich die Revolution von 1918/19. Schon seit Januar übernahmen demokratisch gewählte Parlamente die Aufgaben der Arbeiter- und Soldatenräte. Die meisten Räte lösten sich im Frühjahr und Sommer 1919 auf, die letzten im Herbst und Winter 1919/20.