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1890 - 1918 / 1919 - 1933 / 1933 - 1945 / 1945 - 1949 / 1949 - 1989 / 1989 - 2016
2. Weltkrieg
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August 1939
Kommt der Krieg oder kommt er nicht? Manfred Vasold zeichnet die Spannung und Ungewissheit nach, in der viele Menschen im August 1939 lebten: in Danzig, Berlin, London, Warschau, Washington oder Moskau. Noch nie ist über die Entfesselung des Zweiten Weltkrieges so spannend und detailreich geschrieben worden.
Autor: Manfred Vasold
ISBN: 3-499-61135-X

Buchauszug
Warschau

Der polnische Gesandtschaftsrat in Berlin, Fürst Stefan Lubomirski, hat heute eine Reise vor. Er verläßt die Botschaft gegen 6 Uhr morgens und fährt mit dem Auto von Berlin nach Osten, in Richtung polnische Grenze. Entlang seiner Route sieht er auf deutschem Gebiet sehr viele deutsche Truppen; er hat fast den Eindruck, man lasse sie hier seinetwegen marschieren, um ihn zu beeindrucken. An der deutsch-polnischen Grenze passiert er die Stacheldrahtverhaue; er weist sich als Diplomat aus und wird von den deutschen Militärs höflich und korrekt abgefertigt. Danach fährt er weiter bis nach Posen, wo er eine Maschine nach Warschau besteigt. Er muß in die Hauptstadt, um dem stellvertretenden Außenminister Szembek über die jüngste Entwicklung zu berichten.

In den Kreisen der polnischen Außenpolitik weiß man von den Truppenbewegungen in Deutschland wie auch von Truppenkonzentrationen im Osten auf der sowjetischen Seite der Grenze. Ein paar Tage zuvor war wiederholt eine TASS-Meldung gesendet worden, der zufolge die Sowjetunion angesichts der sich zuspitzenden internationalen Lage Truppen an ihrer Westgrenze zusammenziehe. Zuvor hatten westliche Sender berichtet, die sowjetische Heeresleitung habe 200 000 oder gar 300 000 Mann in den Osten verlegt, um an der Grenze zu China, wo japanische Truppen standen, ihre Verteidigungslinien zu stärken. TASS teilte nun mit, daß dies nicht den Tatsachen entspreche - die Truppen würden nach Westen verlegt.
In Polen gab es noch einen anderen Grund zur Besorgnis. An mehreren Orten im Land war die Polizei in den letzten Tagen weiteren Terrororganisationen auf die Spur gekommen. Eine davon bereitete in der Nähe von Kattowitz in Oberschlesien Anschläge vor.

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Buchauszug
An der Spitze dieser Organisation stand ein polnischer Staatsangehöriger namens Hans Thien. Nachdem die Polizei ihn festgenommen hatte, fanden die Beamten in seiner Wohnung einen Koffer mit allerlei Sprenggerätschaften. Zwei weitere Organisationen flogen in Posen und in Lodz auf; hier fand die Polizei Waffenlager mit automatischen Gewehren, Revolvern und Sprengstoff. Und an einem Ort unweit von Krakau nahm die Polizei fünfzehn Personen unter dem Verdacht fest, einen Spionagering gebildet zu haben. All dies flößte der Bevölkerung Angst ein.
Leon Wells war 1939 gerade vierzehn Jahre alt geworden. Seine Familie war jüdisch. Sie lebten in Stojanow, einem Städtchen mit knapp zweitausend Einwohnern, rund hundert Kilometer östlich von Lemberg gelegen. Der Ort verfugte über eine siebenklassige Volksschule, eine römisch-katholische und eine griechisch-katholische Kirche, eine Synagoge sowie eine Gendarmeriestation. In Leons Schule waren fünfzig Schüler in einer Klasse, davon ein halbes Dutzend Juden.
Es war ein armes Städtchen, wie es sie in Polen in großer Zahl gab. Polen war ein armes Land; die meisten seiner Bewohner waren nach wie vor in der Landwirtschaft tätig. Viele Häuser am Ort waren nur mit Stroh gedeckt. In Stojanow lebten nicht wenige Juden, und die meisten von ihnen waren so arm, daß sie sich selbst für den Sabbat kein Fleisch kaufen konnten. Bei vielen reichte das Geld nicht einmal für das Petroleum in den Lampen. Die Wells waren Chassidim, fromme, konservative Juden, wie sie im südlichen Polen häufig anzutreffen waren.
Leon hatte letztes Jahr die Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium gemacht und sie mühelos bestanden. Im August 1939 hatte er sein erstes Jahr auf dem Gymnasium gerade hinter sich. Jetzt, mitten in den Ferien, war gestern, um 17 Uhr am Mittwochnachmittag, eine furchtbare Meldung hereingeplatzt: die Anordnung der allgemeinen Mobilmachung, erster Mobilmachungstag war heute. General Orlik Ruckermann war zum Oberbefehlshaber in der Region ernannt worden.
Noch in der gleichen Nacht war ein Probealarm veranstaltet worden, der das Städtchen in völlige Dunkelheit gehüllt hatte. Als die Sirene erklang, rannten alle in die Keller. Für die Kinder, vor allem für die Knaben, war das neu und aufregend. Gemeindemitglieder klärten die Bewohner auf, daß für sie fortan eine Gasmaske das Wichtigste sei, weil mit Gasbomben und Gasvergiftungen zu rechnen wäre. Die Deutschen, sagten sie, hätten im Weltkrieg solche Gasbomben an der französischen Front zum erstenmal eingesetzt. An diesem Donnerstag marschierten polnische Soldaten durch die Stadt, Kolonne auf Kolonne. Alle hatten Gasmasken in ihrem Marschgepäck. Die Straßen waren voller Menschen. Mütter, Frauen und Bräute weinten und warfen Blumen. Von Zeit zu Zeit schrie jemand: »Auf nach Berlin!« Aber es klang nicht sehr überzeugend.
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Gleiwitz

Das Codewort »Großmutter gestorben« ist gefallen, das Kommando Naujocks weiß, was zu tun ist. Der Kriminalbeamte Karl Nowak fährt gegen 19 Uhr vor dem Polizeigefängnis von Gleiwitz vor. Dort wartet eine schwarze Limousine mit einigen Zivilisten, die Nowak flüchtig kennt. Nach einer Weile erscheint Naujocks mit einem weiteren Mann, sie fuhren einen benommen wirkenden Mann mit sich und nehmen in Nowaks Wagen Platz. Der Benommene rührt sich nicht; das ist offenbar die »Konserve«, von der die Rede war. Nowak nimmt an, daß er eine Betäubungsspritze erhalten hat. Dann fahren sie los, mit zwei Autos, Richtung Hindenburg. Die schwarze Limousine biegt unvermittelt links ab, Nowak folgt ihr. Bald sehen sie vor sich den Sender Gleiwitz. Es ist deutlich vor 20 Uhr, als sie in den Senderaum eindringen. Sie geben ein paar Schüsse ab, um die Leute zu erschrecken, und fesseln das Personal, das um diese Zeit noch da ist. Es ist nicht einfach für sie, auf Sendung zu gehen, denn das Kommando hat darin wenig Erfahrung. Schließlich schaffen sie es. »Uwaga, uwaga«, beginnt einer von ihnen auf polnisch, Achtung, Achtung. Dann weiter, auf polnisch: »Hier ist der polnische Sender Gleiwitz. Der Sender befindet sich in polnischer Hand. Die Stunde der Freiheit ist gekommen.« Knapp vier Minuten dauert das Verlesen des Aufrufs, er endet mit den Worten: »Hoch lebe Polen!« Dann machen sie sich davon. Nowak sieht noch, daß der Benommene aus dem Wagen geschafft wurde und jetzt mit blutverschmiertem Gesicht leblos vor dem Gebäude liegt. Nach der Rückkehr hört Nowak in Oppeln im Radio, der Sender Gleiwitz sei von polnischen Freischärlern überfallen worden.
Berlin

An diesem Donnerstag sind in der Reichskanzlei mehr Uniformen zu sehen als je zuvor. Militärs und Parteifunktionäre kommen und gehen. Aus Rom ist die Anregung zu einer Konferenz eingegangen. Skepsis herrscht besonders in den allerhöchsten Rängen. Mittags wird in der Reichskanzlei bekannt, daß Hitler für morgen früh 10 Uhr den Reichstag einbestellt hat. Der Besucherstrom schwillt im Laufe des Tages noch mehr an. Es sind dieselben Leute, die in den Tagen zuvor hier ein und aus gegangen sind, also Heß, Goebbels, Himmler, Bormann, Bouhler, Dietrich, Lutze, Frick, dann noch General Bodenschatz und Hewel vom Auswärtigen Amt. Die meisten haben noch einen Begleiter dabei, Brauchitsch und Keitel ihre ersten Adjutanten. Hitler spricht mit vielen alten Parteigenossen, sofern er sich nicht mit einem ausländischen Diplomaten oder einem deutschen General in den Wintergarten oder in den Musiksalon zurückzieht. Er ist nicht sonderlich auf Zurückhaltung bedacht — morgen gehe es los, hört man. Manch einem ist offensichtlich mulmig zumute, wie Göring; aber es fällt kein Wort der Widerrede! Er sei heilfroh, hört Meissner, der Chef der Reichskanzlei, Hitler sagen, daß die Polen sein großzügiges Angebot nicht angenommen hätten, er habe es gegen seine innere Überzeugung gemacht, hätte aber doch dabei bleiben müssen, falls sie darauf eingegangen wären.
Hitlers Adjutanten von Below prägt sich eine Szene unvergeßlich ein: Hitler in einem größeren Kreis stehend, darunter auch Göring und Ribbentrop. Göring: Er könne nicht an eine Kriegserklärung der Engländer glauben. Daraufhin klopft ihm Hitler auf die Schulter und sagt: »Mein lieber Göring, wenn der Engländer an einem Tag ein Abkommen ratifiziert, dann bricht er es nach vierundzwanzig Stunden!« Und dann noch ein verbaler Hieb gegen die britische Scheinheiligkeit.
Vorläufig ist nur den höchsten Militärs zuverlässig bekannt, was am nächsten Tag geschehen soll. Um 16 Uhr ist der letztmögliche Zeitpunkt, den gestrigen Angriffsbefehl — für den morgigen Tag — zurückzunehmen. Die Gelegenheit verstreicht ungenutzt. Genau zur gleichen Zeit, um 16 Uhr, gibt an anderer Stelle in Berlin Heydrich, der Chef der Sicherheitspolizei und des SD, das Codewort aus: »Großmutter gestorben.«
Zu später Stunde brechen heftige antibritische Vorwürfe aus Hitler hervor. Jetzt dient ihm die Ratifizierung des britisch-polnischen Beistandspakts als Beleg, daß die Briten ihn herausfordern wollten. Der Ablauf des gestrigen Tages sei ein weiterer Beweis, daß die Engländer einfach nur lügen würden. Göring ist trotzdem dafür, Dahlerus noch einmal mit London sprechen zu lassen.

Quelle: Manfred Vasold
"August 1939"
ISBN: 3 499 61135 X
Rowohlt Verlag GmbH Berlin, 8,90 Euro

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