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1890 - 1918 / 1919 - 1933 / 1933 - 1945 / 1945 - 1949 / 1949 - 1989 / 1989 - 2016
Weltweite Wirtschaftskrise
 

Konservativer Antimodernismus
Wie Nationalkonservative und Rechtsradikale die parlamentarische Demokratie der Weimarer Republik als "undeutsches", von den Siegermächten aufgezwungenes politisches System hassten und bekämpften, so lehnten sie die moderne Kunst als "Amerikanismus" ab oder brandmarkten sie gar als "Kulturbolschewismus". 1928 gründete die NSDAP einen "Kampfbund für deutsche Kultur", der eine Rückbesinnung auf nationale Klassik, Heimatkunst und Volksmusik forderte. Wo Hitlers Partei schon vor 1933 an Landesregierungen beteiligt war, führte sie sogleich einen Kulturkampf. So ließ ihr thüringischer Innen- und Volksbildungsminister Wilhelm Frick Ende 1930 siebzig Werke der modernen Malerei aus dem Weimarer Schloss entfernen. Nach den Landtagswahlen vom April 1932 stellte die NSDAP in Anhalt den Ministerpräsidenten einer Mitte-Rechts-Koalition - prompt wurde das Bauhaus im September aus Dessau vertrieben. An seinem neuen Standort Berlin konnte es nur noch (bis 1933) als Privatinstitut weitergeführt werden, denn in Preußen regierte inzwischen nicht mehr die Weimarer Koalition unter Otto Braun (SPD), sondern der rechtskonservative Präsidialkanzler Franz von Papen als "Reichskommissar".
Abgesehen von wenigen Ausnahmen fehlte es im rechten Lager an originellen Kunstwerken. Symptomatisch dafür ist das Scheitern des Projektes einer nationalsozialistischen "Volksbühne" 1932. Allerdings traten konservative Intellektuelle mit einflussreichen antidemokratischen Schriften hervor. So stellte Ernst Jünger in seinem viel gelesenen Kriegstagebuch "In Stahlgewittern" (1920) das Soldatentum als wahre Berufung des Mannes und den Krieg als schicksalhafte Prüfung eines Volkes hin. In Oswald Spenglers geschichtsphilosophischem Werk "Der Untergang des Abendlandes" (1918/1922), das in den meisten gebildeten Haushalten stand, wurden Kulturen als "höchste Lebewesen" gedeutet, zwischen denen es "immer nur um das Leben, den Triumph des Willens zur Macht" gegangen sei. Für Carl Schmitt war die parlamentarische Demokratie nichts als eine überholte "leere und nichtige Formalität" ("Die geistesgeschichtliche Lage des heutigen Parlamentarismus" 1923). Sein militantes Politikverständnis kannte nicht den Streit zwischen Anhängern und Gegnern, sondern nur den Kampf zwischen "Freund" und "Feind" ("Der Begriff des Politischen" 1927).
Arthur Moeller van den Brucks politische Programmschrift "Das Dritte Reich" (1923) und Hans Grimms Roman "Volk ohne Raum" (1926) prägten und propagierten bereits mit ihren Titeln nationalistisches und nationalsozialistisches Gedankengut. "Jungkonservative" Theoretiker entwickelten die Idee einer "konservativen Revolution": Da die Weimarer "Demoplutokratie" (so der Redenschreiber des rechtskonservativen Reichskanzlers von Papen, Edgar Jung) die ewigen Werte des Zusammenhangs zwischen Mensch, Natur und Gott zerstört habe, müsse der Konservatismus selbst revolutionär werden, um eine bewahrenswerte Ordnung erst wiederherzustellen. Diese umriss Jung so: "An die Stelle der Gleichheit tritt die innere Wertigkeit, an die Stelle der sozialen Gesinnung der gerechte Einbau in die gestufte Gesellschaft, anstelle der mechanischen Wahl das organische Führerwachstum, [...] anstelle des Massenglücks das Recht der Volksgemeinschaft." Die ideologischen Berührungspunkte zwischen Rechtsintellektuellen, Jungkonservativen und Nationalsozialisten waren mit Händen zu greifen; sie verdichteten sich in den gemeinsamen Zielbegriffen der ständisch gegliederten "Volksgemeinschaft", des politischen "Führers" und des nichtmarxistischen "nationalen Sozialismus". Solches Ideengut erreichte einen beträchtlichen Teil der konservativen Oberschicht in Militär, Bürokratie, Hochschulen und Wirtschaft, der im "Deutschen Herrenklub"organisiert war.
Zweifellos schlugen dem parlamentarisch-demokratischen System der Weimarer Republik und seinen Repräsentanten auch von links Hass und Abneigung entgegen. Priesen die Theoretiker und Propagandisten der KPD unermüdlich das Vorbild der Sowjetunion, so reimte man auf dem linken Flügel der SPD: "Die Republik, das ist nicht viel - der Sozialismus bleibt das Ziel!" Unabhängige Linksintellektuelle, namentlich der Kreis um die von Carl von Ossietzky herausgegebene Zeitschrift "Die Weltbühne", übten ätzende Kritik an politischen Missständen und an persönlichen Unzulänglichkeiten einzelner Politiker; insbesondere aber verachteten sie den in einer Parteiendemokratie unumgänglichen Kompromiss. Ihr Beitrag zur Destabilisierung der Republik war jedoch geringer, da sie im Gegensatz zum Rechtsintellektualismus nicht das politische Denken derjenigen Kräfte beeinflussten, die ab 1930 die Regierungsgewalt zur Zerstörung der Demokratie benutzten.
Massenwirksamer als das Schrifttum der politischen Rechten wurden auffällige Veränderungen in der Filmkultur seit 1930. Zwar traten einige Filme nach wie vor für humane Werte ein: zum Beispiel "M - eine Stadt sucht einen Mörder" (1930/31) von Fritz Lang und vor allem die (von der Zensur verbotene) deutsche Fassung der amerikanischen Remarque-Verfilmung "Im Westen nichts Neues" (1932). Aber zum einen wurden mitten in der Weltwirtschaftskrise vorzugsweise reine Unterhaltungsfilme gedreht, die die meisten Zuschauer anzogen, allen voran "Der Blaue Engel" von Josef von Sternberg, durch den Marlene Dietrich zum Weltstar wurde, ferner "Die Drei von der Tankstelle" (1930) und "Der Kongress tanzt" (1931); zum anderen leisteten immer mehr Filme durch bestimmte Tendenzen dem Nationalsozialismus Vorschub. Besonders "Das Flötenkonzert von Sanssouci" (1930) und "Barberina, die Tänzerin von Sanssouci" (1931) verherrlichten den Krieg und den patriarchalischen Staatslenker. "Morgenrot" (1932/33) schließlich, eine dramatische Episode aus dem Ersten Weltkrieg, feierte - schon ganz im Sinne der Nazis - den soldatischen Heldentod: "Leben können wir Deutsche vielleicht schlecht, aber sterben können wir fabelhaft!"


Quelle: "Informationen zur politischen Bildung", Copyright
Bundeszentrale für politische Bildung
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